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Digitale Landwirtschaft: Luftschloss 4.0?

Wochenblatt-Chefredakteur Matthias Schulze Steinmann.

Über Digitales zu reden ist chic. Ministerinnen versprechen die Bits vom Himmel und übersehen, dass an vielen „Milchkannen“ nicht mal ein Notruf per Handy möglich ist. Auch Landwirte und Hersteller sind gefragt. Sie sollten sich auf überschaubare, kompatible Lösungen konzentrieren.

An heißer Luft mangelte es bereits vorher nicht. Doch nun legt Julia Klöckner die Messlatte an die digitale Landwirtschaft noch einmal höher. Die Ministerin fordert, dass Deutschland eine Führungsrolle bei der Digitalisierung der Landwirtschaft einnehmen soll. Mit 60 Mio. € für „digitale Experimentierfelder“ will sie die Potenziale entlang der gesamten Wertschöpfungskette nutzen, Datenstandards und Schnittstellen schaffen – und vor allem eines: international Maßstäbe setzen.

Angesichts der Milliardenbeträge, mit denen Chinesen und Amerikaner gerade die Standards für die Zukunft der Landwirtschaft zementieren, sind Zweifel erlaubt, ob der Wunsch gelingen wird. Und doch sind die ehrgeizigen Ziele richtig. Denn es liegt auf der Hand, dass Sensoren und smarte Technologien Pflanzenschutzmittel und Dünger sparen, Ressourcen schonen und die Tiergesundheit steigern können. Auch die Landwirte haben die Chance längst erkannt. Laut einer aktuellen Studie der Rentenbank halten 80% der Betriebsleiter die Digitalisierung in der Landwirtschaft für sinnvoll. In mehr als der Hälfte der Betriebe sind Apps und digitale Herdenmanagementsysteme nicht mehr wegzudenken.

Nutzen in der Praxis

Im Vergleich zu den Versprechen der Politik und den Visionen der Industrie fällt der konkrete Nutzen im Hier und Heute aber durchwachsen aus: In dem einen Fall streikt die Internetverbindung. In dem anderen fehlen die Datenschnittstellen, weil die Hersteller den Landwirt ausschließlich an ihre Systeme (und ihre Maschinenparks) binden wollen. Häufig stehen die Kosten oder die Zeit, die in eine „digitale Vereinfachung“ gesteckt werden muss, in keinem Verhältnis zu dem tatsächlichen Gewinn.

Bei all der Liebe zum Digitalhype stünde allen Beteiligten deshalb etwas mehr Ehrlichkeit gut zu Gesicht. Zur Wahrheit gehört, dass Politiker aller Parteien flächendeckendes Videostreaming und den Mobilfunkstandard 5G versprechen – und vergessen, dass an vielen „Milchkannen“ heute nicht mal ein einfacher Notruf möglich ist. Jenseits der einen großen Anwendung für den gesamten Betrieb sollten sich die Hersteller auch auf überschaubare Lösungen konzentrieren. Nicht jede App muss gleich die Welt retten. Die Anwendungen sollen Antworten auf klar umrissene Probleme liefern. Und sie müssen mit anderen Systemen kompatibel sein.

Gemeinsame Sprache finden

Damit Wunsch und Wirklichkeit endlich zusammenpassen, wird es außerdem Zeit, dass sich zwei Welten begegnen: Landwirte und IT-Experten müssen eine gemeinsame Sprache finden, um die digitalen Herausforderungen zu meistern. Brücken müssen geschlagen, Fragen gestellt und Antworten gefunden werden. Neue Kompetenzen sind gefordert. Und dazu gehört beispielsweise die Aufnahme von Fragen zur Auswertung und Nutzung von (Satelliten-)Daten in die Lehrpläne an Berufsschulen und Unis.

So vorgezeichnet der Weg in die digitale Landwirtschaft scheint, so mühsam bleibt vorerst der Übergang in der Ebene. Damit daraus kein Luftschloss 4.0 wird, werden sich nicht nur Julia Klöckner selbst, sondern auch die Landwirte am Anspruch der Ministerin messen lassen müssen.

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