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Kommentar

Die nächste Hürde kommt

Anselm Richard;Chefredakteur

Kaum ist das Problem der Ferkelkastration wenigstens vorübergehend entschärft, tut sich für die Schweinehalter das nächste auf: das Verbot des Schwanzkupierens.

Kaum ist das Problem der Ferkelkastration wenigstens vorübergehend entschärft, tut sich für die Schweinehalter das nächste auf: das Verbot des Schwanzkupierens. Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen jetzt dazu einen Erlass herausgegeben, der spätestens zur Jahresmitte 2019 greifen soll. Damit wird der „Nationale Aktionsplan Kupierverzicht Schwein“ umgesetzt, so wie es die Agrarminister im September beschlossen haben.

Kern des Ganzen ist Folgendes: Die Schwänze dürfen nur kupiert werden, wenn der Betrieb nach­weislich (noch) nicht darauf verzichten kann. Entweder erklärt der Schweinehalter nachvollziehbar, dass in seinem Betrieb oder bei seinem Vorlieferanten (Ferkelerzeuger, Aufzüchter) Probleme mit Schwanzbeißen bestehen. Oder er hält – quasi als Versuchsgruppe – mindestens 1 % der Tiere mit nicht gekürztem Schwanz. Dann zeigt sich, ob auf das Kupieren verzichtet werden kann.

Der Aktionsplans soll für Schweinehalter wie für Veterinärbehörden Rechtssicherheit schaffen. Das ist gut, weil sich der von der EU ausgehende Druck, das Schwanzkupieren ganz abzuschaffen, so abfedern lässt. Wer Probleme nicht angeht, darf nicht auf Ausnahmeregelungen hoffen. Deshalb können sich Landwirte dem Plan nicht ernsthaft verweigern.

Das eigentliche Dilemma wird aber damit nicht aus der Welt geschafft. Praktiker wissen, dass Schwanzbeißen von heute auf morgen völlig überraschend auftreten kann, scheinbar ohne jeden Grund. Dann geht es „rund“ in der Bucht. Wenn Opfer und Täter nicht schnell erkannt und separiert werden, ist das Geschehen kaum noch zu stoppen.

In NRW laufen seit mehreren Jahren wissenschaft­lich betreute Versuche. In Praxisbetrieben sollen sie dem Schwanzbeißen auf den Grund gehen und Lösungswege aufzeigen. Das Interesse der Landwirte ist groß, aber die Ergebnisse sind bisher ernüchternd. So zeigten bei der jüngsten Auswertung von mehr als 4000 unkupierten Tieren bei Mast­ende nur 22 % einen unverletzten, intakten Ringelschwanz.

Selbst bei engmaschig organisierter Beratung und tierärztlicher Betreuung sind also die Resultate nicht allzu ermutigend. Vor allem deshalb, weil es kein einfaches Ursache-Wirkung-Schema gibt. Und so gibt es auch keine Empfehlung für den Praktiker nach dem Muster „Tue dies oder jenes, dann bleiben die Schweine brav und gesund.“ Das funktioniert nicht.

Mit dem Aktionsplan samt NRW-Erlass müssen sich die Landwirte wohl oder übel arrangieren. Wichtig ist aber jetzt, dass Politik und Verwaltung auch die Ferkelerzeuger und Mäster im Ausland sowie die Lieferbeziehungen zum Beispiel mit Dänemark und den Niederlanden im Auge behalten. Denn wenn strengere Vorgaben nur in Deutschland gelten, drängt das die hiesigen Betriebe aus dem Markt, während die anderen weitermachen wie bisher.