Demonstrationen in Bonn: Doppelt genäht hält besser

Zum zweiten Mal in diesem Jahr haben mehrere Landesbauernverbände zu einer Kundgebung aufgerufen; nach Münster im Frühjahr folgt nun Bonn. Wer könnte nicht nachvollziehen, dass vielen Bauern der Kragen platzt? Trotzdem bleiben sie in der Pflicht, offen für Verbesserungen zu sein.

Vor dem Sitz des Landwirtschaftsministeriums machten fast 1000 Landwirtinnen und Landwirte ihrem Ärger Luft. Sie wollen nicht mehr hinnehmen, wie Politik und Gesellschaft mit ihnen umspringen. Kaum ein Slogan drückt dieses Gefühl so gut aus wie dieser: „Sie säen nicht und sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser!“ Dazu ertönt über Lautsprecher „Das Lied vom Tod“ für den Familienbetrieb. Frust in Reinkultur.

Grundübel der Gesellschaft?

Wer könnte nicht nachvollziehen, dass vielen Bauern der Kragen platzt? Sie stehen mit ihren Familien im Feuer wie nie zuvor. Es scheint mittlerweile kein Problem mehr zu geben, an dem nicht die Landwirte schuld sind. Ackerbau und Viehzucht als Grundübel der Gesellschaft. Die Bauern gehen deshalb auf die Straße, weil sie sich missverstanden fühlen, an den Rand gedrängt, ausgegrenzt. Der Stabilitätsanker des ländlichen Raumes wird als überflüssig erachtet.

Gleich fünf Verbandspräsidenten lasen der Spitze des Agrarministeriums die Leviten, verwahrten sich gegen überzogene Auflagen. Ob die Botschaft nun endlich angekommen ist? Das bleibt abzuwarten. Sicher ist aber auch, dass die Landwirtschaft sich nicht beleidigt zurückziehen darf. Sie bleibt in der Pflicht, offen für Verbesserungen zu sein sowie mit Politik und Behörden nach Lösungen zu suchen, die unbestreitbare Probleme aus dem Weg räumen – aber mit Sachverstand und nicht allein dem Aktionismus geschuldet. Diese Lösungen müssen gleichzeitig den Fortbestand der Landwirtschaft sichern.

Demos nach niederländischem Vorbild?

Vielen Berufskollegen ist das, was am Montag in Bonn abgelaufen ist, noch viel zu zahm. Sie wollen machtvolle Demonstrationen und Blockaden, vor allem angeregt durch die Aktionen der niederländischen Bauern vom 1. Oktober. Deshalb werden am Dienstag wieder Schlepper nach Bonn rollen, viel mehr als diese Woche, und den Protest lauter und vielleicht medienwirksamer auf die Straße tragen. Denn das Presseecho auf die Montagsdemonstration war eher verhalten.

Was ist nun mit diesem Doppelpack? Hier die betont politische Auseinandersetzung mit kultivierten Ansprachen, dort die brüllende Kraft von 1000 Ackerschleppern mitten in der Stadt und vermutlich nicht so geduldigen Demonstranten. Dazu im Hintergrund der stille Protest mit grünen Kreuzen. Ein Zeichen für eine Spaltung des Berufsstandes? Keineswegs!

Landwirtschaft am Scheideweg

Für alle Formen des Protests gibt es gute Argumente, solange Gewalt ausgeschlossen ist. Deshalb wäre es unklug, wenn die Protagonisten der Aktionen auf die der jeweils anderen herabblicken wollten. Damit machte man es denen leicht, die genau darauf setzen, die Einigkeit der Landwirte zu stören oder sie gar für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Die Landwirtschaft steht am Scheideweg. Da ist keine Zeit für Konkurrenz im eigenen Lager.

Wünschenswert ist etwas ganz anderes: Dass sich die Aktionen vom 14. und vom 22. Oktober ergänzen und verstärken. Doppelt genäht hält eben besser! Damit die Menschen in unserem Land endlich registrieren, dass viele Höfe existenziell bedroht sind, dass die Nahrungsmittelversorgung von der heimischen Scholle auf der Kippe steht. Genau darum geht es.

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