Das Weizenkornwunder - ein Osterkommentar

Ein Gastkommentar zum Osterfest von Silke Niemeyer, Pfarrerin in Lüdinghausen.

Im Herbst ist es in die Erde gefallen, in 2 bis 4 cm Tiefe. Nicht allein, nein. 320 bis 340 Körner liegen da auf einem Quadratmeter.

Corona hin, Corona her – es gibt Dinge, die bleiben gleich. Dann hat sich, während die zweite Viruswelle über das Land schwappte, auf dem Acker über Monate nichts mehr getan. Scheinbar.

Unterirdisch, für die Augen unsichtbar, bricht Leben hervor, wächst unaufhaltsam, durchbricht irgendwann die Kruste. Im April schosst der Weizen. Ab da streben die Pflanzen kräftig Richtung Sonne.

Silke Niemeyer, Pfarrerin in Lüdinghausen. (Bildquelle: Privat)

In gut drei Monaten wird es soweit sein. Eine Pflanze trägt, sagen wir, 120 Körner. Aus einem Korn werden 120. 120 Weizenkörner fallen nächsten Herbst in die Erde und bleiben nicht allein. Sie werden 14  400, fast ein Kilogramm, und noch einen Sommer weiter schon ein Doppelzentner: Weizen, von dem im dritten Jahr eine fünfköpfige Familie ein ganzes Jahr lang Frühstücksbrötchen essen kann – wenn das eine Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt.

Verzicht und Hingebung

Mit dem Leben ist es so einfach und gleichzeitig so schwer: Der Wunsch unversehrt zu bleiben, macht einsam; der Wunsch unsterblich zu sein ist tödlich. Wenn man aber sein Leben hingibt, lebt man auf.

Jesus zum Beispiel. Er hat riskiert sich anzustecken und hat Kranke geheilt. Er hat gewagt, mit leeren Händen dazustehen, und hat seine fünf Brote unters Volk verteilt. Er hat seinen Ruf aufs Spiel gesetzt und ist beim verhassten Steuereintreiber zu Gast gewesen. Er hat die Chance seines Lebens vertan und den Teufel weggejagt, als der ihm alle Reiche der Welt zu Füßen legen wollte!

Er hat sich in Gefahr gebracht und die Wahrheit gesagt, die keiner hören wollte. Er hat darauf verzichtet, „systemrelevant“ zu sein, als das Volk ihn zum König machen wollte, und lieber eine Krone aus Dornen getragen. Er hat sich hingegeben mit Herzblut, Haut und Haar.

Das erfüllte Leben

Er hat am Ende sein Leben gegeben. Nicht aus Masochismus, nein – einfach, weil er Gott vertraute, die Menschen mochte und das Leben liebte, das wahre, lebendige, erfüllte Leben und nicht all das, was nur so tut als ob. So einer lebt, auch wenn er stirbt – ein Mensch, der das Leben nicht hortet, wie man Klopapier hortet, einer, der die Liebe nicht auf die hohe Kante legt, sondern großzügig ausgibt.

Zum Beispiel auch die Franzi, die nach dem Dienst im Altenheim noch auf den Trecker steigt, nachdem ihr Mann so plötzlich gestorben ist. Die Franzi, die beim Kissenschütteln, Waschen und Eincremen so ­unglaublich vergnügt von der Cousine mit Down­syndrom erzählt, die sie bei sich aufgenommen hat. Bei der fühlt sich das Leben immer irgendwie leichter an, auch wenn es saumäßig schwer ist.

Zum Beispiel auch mein ehemaliger Konfirmand Sebastian, der heute noch seine ganze Freizeit beim DLRG verbringt. Der lässt sich zu jeder Tages- und Nachtzeit rufen. Seine Freunde nennen ihn den „Rettungsroboter“, weil er kein Zögern und keine Angst kennt, wenn es darum geht, einen Ertrinkenden hochzuholen.

Franzi und Sebastian, die haben bestimmt 120 andere mit ihrer Lebenskraft angesteckt. Mich, und Sie vielleicht auch. Gut, wir sind nicht Jesus. Aber ein bisschen schon. Und wir sind nicht allein. Wir sind viele. Wie Jesus zum Weizenkorn werden – das ist Christsein, so einfach, so schwer.

Corona hin, Corona her – das ist Ostern.


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