Kommentar

Aktionismus: Der Zweck heiligt die Mittel?

Die Aktivisten-Gruppe "Letzte Generation" ist mit ihren Aktionen gegen die Lebensmittelverschwendung scharf in die Kritik geraten. Sind fragwürdige Aktionen gerechtfertigt, wenn die Inhalte es sind?

An Aufmerksamkeit mangelt es ihnen nicht: Mitglieder der Gruppe „Letzte Generation“ haben sich auf Autobahnen geklebt, Pferdemist ins Landwirtschaftsministerium gekippt und die Wiese vorm Kanzleramt zum Kartoffelacker umfunktioniert. Sie haben Teile des Hamburger Hafens lahmgelegt und Flughafenzufahrten blockiert. Ihr Ansinnen: ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung als erste Maßnahme gegen den Klimakollaps. Dieses soll unter anderem große Supermarktketten verpflichten, noch genießbare Lebensmittel zu spenden.

Aktionismus in der Kritik

Parteiübergreifend sowie aus den allermeisten Kommentarspalten hagelt es Kritik, aus Teilen der sozialen Netzwerke gar Hass. Im Ton zwar unterschiedlich, lässt sich diese inhaltlich etwa so fassen: Proteste sind grundsätzlich legitim, aber nur im Rahmen von Recht und Verfassung. Agrarminister Cem Özdemir machte klar: „Gesellschaftliche Mehrheiten gewinnt man ganz sicher nicht, wenn man Krankenwagen, ­Polizei oder Erzieherinnen auf dem Weg zur Arbeit blockiert.“ „Letzte Generation“-Sprecherin ­Aimèe van Baalen sieht es so: „Wir haben jahrelang Petitionen unterschrieben, auf der Straße gestanden und vom Straßenrand demonstriert. Aber das hat leider nicht zu den Ergebnissen geführt, die wir dringend brauchen, um die Menschen vor dem Klimakollaps zu retten.“

Protest-Inhalte nicht mehr im Fokus

Unverständnis und Hass auf der einen, Aktionismus und Verzweiflung auf der anderen Seite offenbaren eine gleich doppelte Misere der Proteste:

Die „Letzte Generation“ ist überzeugt, tatsächlich auch genau das zu sein: die letzte Generation, die den Klimakollaps verhindern kann. Sie passen ihre Aktionen an, da die bisherigen im Sande verliefen. Und sie passen ihre Aktionen einer schlagzeilengetriebenen Medienkultur an. Und siehe da: Die „Bild“-Zeitung hob sie prompt auf die Titelseite, Lebensmittelverschwendung wurde zum Thema in einer Fragestunde des Bundestag. Aber, so mahnen Protestforscher, eben diese Aktionen verprellen eigentlich bestehende Mehrheiten. Zudem verschiebt sich der Fokus: Nicht der Inhalt der Proteste steht im Mittelpunkt. Vielmehr ist eine Debatte darüber losgetreten, welche Form noch legitim und welche eine Straftat ist – oder wie unsinnig es ist, im ­Februar Kartoffeln zu pflanzen.

Ziel verfehlt

Zweite Misere: Die Forderungen der Gruppe zur Lebensmittelverschwendung sind alles andere als radikal. Sie sind – anders als die Protestform – anschlussfähig. Kein Landwirt sortiert gerne Obst und Gemüse aus, das zwar qualitativ top ist, aber nicht der ästhetischen Norm entspricht. Und einer Reform des Mindesthaltbarkeitsdatums würden viele Landfrauen sicherlich nicht widersprechen – beides fordert die Gruppe.

Wer aber eine Drohkulisse aus Sekundenkleber und Pferdemist aufbaut, erweist sich und seinen Zielen einen Bärendienst. Und wer es am Tag des Kriegsausbruches in Europa für angemessen hält, Parteizentralen mit Gemüse zu beschmeißen, sollte die Bedeutung der eigenen Person und Ziele dringend erden. So werden Gräben tiefer und ­inhaltliche Brücken eingerissen, bevor sie überhaupt als solche erkannt werden. Der Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel.

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