Klimawandel: Landwirtschaft ist elementarer Teil der Lösung

Beim Klimaschutz kommt es auf die nächsten zehn Jahre an. Dabei ist die Rolle der Landwirtschaft entscheidend, meint Klimafolgenforscher Dr. Udo Engelhardt.

Wochenblatt: Der Weltklimabericht wurde in den Medien breit aufgegriffen. Warum sollten wir trotzdem nochmal hinschauen?

Engelhardt: Die größte Hürde ist zu akzeptieren, wo wir heute stehen. Der Weltklimabericht (oder auch IPCC-Bericht) beschreibt unsere Optionen sehr genau. In der Diskussion kam das allerdings zu kurz.

Zudem ist es fatal, dass Klimaschutz weiterhin nur als Emissionsproblem gesehen wird. Die Schlüsselrolle der Landwirtschaft wird gar nicht artikuliert – auch im Wahlkampf spielt sie so gut wie keine Rolle.

Dr. Udo Engelhardt, Klimafolgenforscher aus Soest. (Bildquelle: Schröder)

Wie sind unsere Optionen?

Im Weltklimabericht werden fünf konkrete Entwicklungsszenarien aufgezeigt. Wenn wir weiterhin auf fossile Energieträger setzen würden und nicht einlenken, steuern wir auf ein Szenario namens SSP5-8.5 zu mit einer durchschnittlichen Temperaturerhöhung von 4°C. Das wäre das schlechstmögliche Szenario. Wir sind heute bei einem Stand von 1,2°C Erwärmung schon mit katastrophalen Auswirkungen konfrontiert. Ein Szenario mit 3 oder 4°C Erwärmung ist für uns nicht machbar. Weder für die Ökosysteme noch für die Menschen.

Was würde passieren?

Wir würden die entscheidenden Kipppunkte reißen. Das sind die Punkte, an denen wir die Kontrolle über das Klima komplett verlieren. Sie liegen bei einem Anstieg zwischen 1,5 und 2°C.

Ein Beispiel dazu: In der Arktis taut das Meereis genauso wie das Eis auf Grönland ab. Das drängt den Golfstrom immer weiter nach Süden und schwächt ihn. Der Golfstrom versorgt uns in Europa als Wärmepumpe jedoch mit relativ moderatem Klima. Wenn er kippt, hieße das für uns sibirische Verhältnisse. Trockene, heiße Sommer und trockene, kalte Winter. Die Wärmepumpe, die auch die Feuchtigkeit zu uns bringt, wäre massiv beeinflusst. Das wirkt wie ein Dominoeffekt.

Daher bieten uns nur zwei der fünf Szenarien eine Chance. Die anderen drei sind für mich ‘Game Over Szenarien’. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Ökosysteme um uns herum so kollabieren, dass menschliche Gesellschaft damit nicht kompatibel ist. An geordnete globale Lieferketten ist da nicht mehr zu denken.

Die fünf Emmissionsszenarien des IPCC-Berichts. Drei dieser sind für Engelhardt "Game-Over-Szenarien". (Bildquelle: IPCC)

Was ist zu tun, um diese zu erreichen?

Wenn wir bestimmte Szenarien erreichen wollen, dürfen wir nur noch eine bestimmte Menge an CO2 ausstoßen. Das nennt sich Kohlenstoffbudget. Im IPCC-Bericht wurden verschiedene Budgets errechnet, die uns zu unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten unter den Kipppunkten halten.

Wenn wir mit 83%-iger Sicherheit unter den Kipppunkten bleiben wollen – mehr Sicherheit ist ohnehin gar nicht mehr möglich – dann dürfen wir noch maximal 300 Gt CO2 ausstoßen. Das haben wir Stand jetzt in unter zehn Jahren komplett aufgebraucht.

Allerdings reicht ein Blick auf die Emissionen nicht. Wenn wir uns immer nur die Emissionen anschauen, dann vergessen wir die Energiebalance der Ökosysteme. Unsere natürlichen Senken – Moore, Böden, Wälder, Ozeane – müssen in einem guten Zustand bleiben und nicht schlechter werden, als sie heute sind. Sonst funktioniert die Gleichung nicht mehr.

Also reduzieren und erhalten?

Genau. Denn mit jedem Waldbrand verändert sich die Gleichung zu unserem Nachteil. Aus CO2-Senken werden CO2-Quellen. Effektiver Klimaschutz kann nur über massive Reduktion von Emissionen bei gleichzeitigem Erhalt und Wiederaufbau natürlicher Senken funktionieren.

In der Politik wird über den Erhalt überhaupt nicht diskutiert. Da müssen wir eine ganz andere Wertigkeit drauflegen. Eine Entlohnung über CO2-Zertifikate kann dabei nicht funktionieren. Damit kann sich eine Industrie Verschmutzungsrechte kaufen und es ist wieder eine Null-Bilanz.

Was heißt das für die Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft wird die alles entscheidende Position einnehmen. Die Nahrungsmittelproduktion wird noch viel wichtiger, als sie ohnehin schon ist. Weil wir in unterschiedlichen Regionen Ausfälle haben werden. Als Landmanager helfen Landwirte zudem, natürliche Senken zu erhalten und zu regenerieren.

Und: Um die beiden Szenarien zu erreichen, die für uns gut sind, müssen wir unbedingt die Energiewende schnell hinbekommen. Da hat die Landwirtschaft ein riesiges Potenzial ohne großartig Flächen zu verlieren. Auch hierzu ein Beispiel: Die Biomasse, die wir anbauen, benötigt eine gewaltige Fläche. Ihre Effizienz in der Strom- und Gasherstellung ist aber relativ gering. Wenn man auf die gleiche Fläche Photovoltaik drauf packen würden, würde man 60mal so viel Energie von der selben Flächeneinheit rausziehen. Auch die Nahrungsmittelproduktion in Kombination mit Energiegewinnung wie Agri-PV ist ein Riesenhebel.

Klar ist: Wir werden diese Energie brauchen. Wenn wir beim Kohlausstieg 2038 bleiben, ist es faktisch unmöglich, die Klimaziele zu erreichen.

Landwirte als Nahrungsmittelproduzenten, Landmanager und Energiewirte?

Landwirtschaft wird so selbst ein entscheidender Teil der Gesamtlösung. Wir brauchen viele dezentrale unabhängige Quellen von Energie und Nahrungsmitteln. Gerade die Kombination mit lokalen Akteuren, mit Bürgerenergie, ist ein große Sache. Damit werden Bürger und Dörfer an die teilweise Umstellung der landwirtschaftlichen Betriebe gebunden. Landwirtschaft wird Teil des Ganzen, das Geld bleibt vor Ort.

Wir müssen uns mit Blick auf die Szenarien fragen, welche Abhängigkeiten wir zukünftig wirklich wollen. Das heißt auch, dass Politik nachjustieren muss: Lokale Wertschöpfungsketten müssen eine Chance haben, langfristig unser sicheres Standbein zu werden.

Wir müssen wegkommen, von der reinen Preissteuerung und Abhängigkeit vom Weltmarkt.

Dr. Udo Engelhardt live

Im Rahme der Veranstaltungswoche „Energiewende I 120h“ des Digital Campus Zollverein hält Dr. Engelhardt den Inputvortrag:

- Montag, 27. September 2021, 9:15-10:00 Uhr: "Alarmstufe-Rot und letzte Warnung an die Menschheit"– der neue Sachstandsbericht des UN-Weltklimarats spricht eine deutliche Sprache. Der Vortrag kann digital und kostenfrei live (27.9., ab 9:15Uhr) hier verfolgt werden.

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