Wolf in Niedersachsen

"Das Thema Wolf darf nicht verharmlost werden"

Wolfsberater Hermann Kück aus Niedersachsen gab sein Ehrenamt auf: "Das Thema Wolf darf nicht verharmlost werden."

Wölfe sind hochintelligent. Haben sich Fähe und Rüde gefunden, bleiben sie ein Leben lang zusammen. Zusammen mit dem Nachwuchs bilden sie ein Rudel. Junge männliche Wölfe wandern im Alter von gut zehn Monaten ab, weibliche etwas später. Altwölfe sind reviertreu. Das Heulen der Wölfe ist ein Ausdruck bestimmter Emotionen. Sie „heulen“ fehlenden Rudelmitgliedern hinterher. „Wölfe sindinteressante Tiere. Sie haben ein hochentwickeltes Sozialverhalten“, betont Hermann Kück.

Rücktritt nach zehn Jahren als Wolfsberater

Der 74-jährige Niedersachse von der Jägerschaft Wesermünde-Bremerhaven war einer von vier ehrenamtlichen Wolfsberatern im Kreis Cuxhaven. Ende November 2021 kündigte er die Zusammenarbeit mit dem Kreis. Das war ein Paukenschlag, der auch überregional ein Echo in den Medien auslöste. Hermann Kück, Träger des Bundesverdienstkreuzes, und bei Dorfbewohnern und Landwirten in der Region für seine Sachlichkeit bekannte, langjährige Wolfsberater, trat zurück.

Rund zehn Jahre engagierte Kück sich dafür, die Rückkehr der Wölfe ins Cuxland zwischen Elbe und Weser zu dokumentieren. Er nahm rund 400 Tierrisse (davon etwa 160 Nutztierrisse) auf, diskutierte mit Landwirten, Jägern und Naturschützern, nahm Eltern und Kindern ihre Ängste vor dem Wolf und betrieb Öffentlichkeits- und Medienarbeit. Die Konflikte zwischen Mensch und Wolf und seine Erlebnisse thematisierte er in seinen Büchern „Dunkle Wolken über dem Wolfsparadies“ und „Wolfsfieber“.

Wölfe dürfen nicht verharmlost werden

Aber in den vergangenen Monaten verschoben sich die Grenzen. Der Wolfsberater zweifelt es mittlerweile an, Kindern die Verharmlosung der Wölfe als pädagogisch sinnvoll zu erklären, wie er es all die Jahre überzeugt getan habe. Verstärkt nehme er die Sorgen der Bürger wahr. „Schafhalter, denen ich nach Verlusten zu wolfsabweisenden Zäunen verholfen habe, haben jetzt stromführende Zäune, vom NLWKN gefördert, und trotzdem werden sie überwunden, auch am neuen Schutzzaun am Deich der Weser. Ich kann das nicht mehr glaubwürdig vertreten“, sagt Kück.

Großrudel gesichtet

Im Cuxland gibt es mittlerweile 32 Wölfe, belegt durch Sichtungen und Wildkameras. Kück geht davon aus, dass sich ein Großrudel gebildet hat. In seinem eigenen Revier beobachteten er und 20 weitere Jäger bei einer Treibjagd einen Tag vor seiner Rücktrittserklärung 15 Wölfe. „Das läuft aus dem Ruder“, betont der Naturschutzpraktier. Er sei sicher, dass diese Großrudel nicht nur die Wildbestände dezimiert und vertreibt, sondern, dass Wölfe in dieser dicht besiedelten Kulturlandschaft auch anpassungsfähig sind.

Der Jäger vermutet, dass Wölfe aus dem Großrudel auch für die Übergriffe auf zwei Ponies bei Bremerhaven verantwortlich sind. „Da leider DNA-Proben von Wildtierrissen aus der Region vom Wolfsmonitoring in Hannover nur temporär ausgewertet werden, konnte leider kein Individuum aus Alphatieren ermittelt werden“, kommentiert Kück.

Der ehemalige Wolfsberater plädiert für eine Entnahme einzelner Tiere aus den auffälligen Strukturen ist umgänglich, zumal die Population in Niedersachsen jährlich um 30% wächst – aktuell sind es 450 Wölfe. „Und was wir hier erleben, das haben andere Bundesländer vor sich.“ Kück redet nicht von Ausrotten, sondern von einem Management nach Schwedischem Modell, was eine Obergrenze von 200 Tieren in dem wohlgemerkt waldreichen und infrastrukturarmen Land vorsieht.

Mehr als 1500 Wölfe in Deutschland

Mit mehr als 1500 Wölfen ist die Obergrenze in Deutschland längst überschritten. Kück drängt auf konkrete Lösungen mit konkreten Zahlen, und zwar ohne die Landschaft komplett zu verdrahten, und den Lebensraum für andere heimische Arten zu verlieren. Es brauche jetzt neue Antworten aus Politik, dem Jagdrecht und realitätsnahe Analysen im Dialog mit Nutztierhaltern, Jägern und praxisorientierten Naturschützern statt Besänftigung.

Die Gefahr durch Wölfe wächst

Eine Verharmlosung der Wölfe seitens der Politik und „Wolfskuschler“ und die „Aggression der Andersdenker“ löst bei ihm einen inneren Alarm aus: „Die Gefahr, die von Wölfen ausgeht, wächst.“ Es gebe immer mehr Nahbegegnungen von Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern und dem Wolf im Süden des Landkreises und auch die Übergriffe in Dorfnähe nähmen zu. „Das ist die Konsequenz einer Entwicklung, die auch ich nicht vorhergesehen habe“, räumt er ein, „aber jetzt unabwendbar. Es ist Zeit, meine Schlüsse zu ziehen, bevor Übergriffe auf Menschen passieren. Dann will ich nicht derjenige sein, der nicht vor dem Wolf gewarnt hat.“

Da die Landwirtschaftskammer ab dem Jahr 2022 die Nutztierdokumentation in Niedersachsen übernehmen, möchte er die Zeit für seine Enkel und seine Hobbies wie der Fischotterforschung und praktischen Naturschutzprojekten nutzen.

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