"20 % Öko sind nötig"

Bioland: Der Corona-Boom ebbt ab

In turbulenten Zeiten feiert Bioland NRW diese Woche den 40. Geburtstag. Wie schätzt der Verband die aktuelle und künftige Lage der Biobranche ein? Ein Interview mit Vorstand und Geschäftsführung.

Herr Leifert, vom Boom zur Ernüchterung – darf man die Entwicklung der Biobranche so beschreiben?

Leifert: Für die vergangenen Jahre trifft das durchaus zu. In der Coronapandemie brummte der Absatz, jetzt gibt es die Erdung. Aber der Absatz von Bioprodukten ist nicht überdurchschnittlich eingebrochen, der Rückgang entspricht dem Rückgang des Gesamtmarktes.

Was bremst den Bioabsatz konkret?

Leifert: Zwei Dinge: Zum einen kehrt wieder Normalität ein, die Menschen essen wieder Außer-Haus in Restaurants sowie Kantinen -­ und dort ist der Bioanteil nicht so hoch. Zum anderen gibt es aufgrund der überall steigenden Kosten und der unsicheren Energieversorgung eine generelle Kaufzurückhaltung. Hinzu kommen Verschiebungen beim Einkauf: Biokonsumenten gehen aktuell weniger in den Naturkostfachhandel und Lebensmitteleinzelhandel, dafür aber mehr zum Discounter. Sie greifen also zu günstigeren Ökoprodukten.

„Am Ende werden Vorgaben zum Pflanzenschutz praxisnah ausgerichtet.“
Joachim Koop, Vorsitzender Bioland NRW

Schauen wir in einzelne Sparten: Der Absatz von Bio-Eiern stockt seit Monaten.

Leifert: Seit vergangenen Sommer ist der Eiermarkt angespannt. Das liegt vor allem an den vielen neuen Ställen und den damit verbunden Überkapazitäten. Seit dem Jahreswechsel hat sich die Produktion durch Auflagen zu Biofutter, Junghennen und Bruderhähnen verteuert. Und dann noch die höheren Futterkosten durch den Krieg. Erfreulich ist, dass sich die Situation seit drei Wochen entspannt.

Die Preise für konventionelle Milch sind zum Teil auf dem Niveau von Ökomilch. Ökomilcherzeuger schrieben schon vergangenes Jahr rote Zahlen.

Leifert: Das ist so. Und durch die Trockenheit fällt jetzt auch noch die Grundfutterernte knapp aus. Der Strukturwandel beschleunigt sich gerade, die Ökomilchmenge dürfte in nächster Zeit nicht steigen – zumal auch nur vereinzelt konventionelle Erzeuger aktuell Interesse an einer Umstellung haben. Andersherum stellt aber auch noch kein ökologisch wirtschaftender Milchviehbetrieb auf konventionell um. Spannend ist die derzeit große Spanne bei den Biomilchpreisen. Es könnte demnächst häufiger zu Molkereiwechseln kommen.

Schlachter berichten, dass sie Bio-Rindfleisch am liebsten gar nicht haben würden, weil sie keinen Absatz dafür haben.

Leifert: Der Biorindfleischmarkt steht stark unter Druck. Biorindfleisch ist nochmal teurer als das dieses Jahr ohnehin schon teure konventionelle Rindfleisch. Hier sparen die Verbraucher, vor allem an Edelteilen. Bei Schweine- und Geflügelfleisch ist es übrigens anders, hier ist der Absatz relativ stabil.

Wie sieht es bei Getreide und Gemüse aus?

Leifert: Die Getreideerträge fallen ganz unterschiedlich aus. Unterm Strich passen Angebot und Nachfrage aber, die Preise sind stabil. Lediglich bei Dinkel drückt die Menge den Preis. Bei Gemüse setzte ausländische Ware die Preise im Frühjahr bis in die Sommerferien hinein unter Druck. Aktuell hat sich die Absatzsituation für unsere Gärtnerinnen und Gärtner aber verbessert, sodass wir in Summe die Marktlage als leicht abgeschwächt betrachten.

"In der 40-jährigen Biolandgeschichte war der Verlauf von Angebot und Nachfrage immer wellenförmig."
Joachim Koop, Vorsitzender Bioland NRW

Landwirte sind aktuell in Alarmstimmung, weil die EU-Kommission Pflanzenschutzmittel in einigen Gebieten komplett verbieten will, möglicherweise auch Biobetrieben. Was sagt Bioland dazu?

Koop: Wir schauen uns das Papier gerade sehr genau an. Zum Teil steht dort `chemischer Pflanzenschutz`, zum Teil nur `Pflanzenschutz`- dann wären wir als Biobranche auch breiter betroffen. Unklar ist auch noch, welche Gebiete genau gemeint sind. Das prüfen wir alles und formulieren dann Forderungen. Grundsätzlich sind wir natürlich für weniger chemischen Pflanzenschutz.

Mal angenommen, es käme so und die komplette Hellwegbörde müsste ökologisch wirtschaften. Dann würde der Ökomarkt doch zusammenbrechen, oder?

Koop: Ich bin da relativ beruhigt: Aktuell handelt es sich um einen Entwurf. Ich gehe davon aus, dass die Vorgaben am Ende praxisnah ausgerichtet sind.

NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen hält am 20 %-Öko-Ziel in NRW bis 2030 fest. Ist das realistisch?

Leifert: Es ist nötig! Für Gewässerschutz, Artenvielfalt, Biodiversität und Tierwohl brauchen wir diesen Anteil. Ein politisches Ziel ist deshalb gut, weil es die Richtung vorgibt. Klar ist aber, dass wir alle – Politik, Landwirte, Verarbeiter, Verbände – den Biomarkt weiterentwickeln müssen. Auf der Absatzseite müssen wir den Ökoanteil in der Außer-Haus-Verpflegung und in Kantinen erhöhen, auf der Angebotsseite Landwirte begeistern.

Wie gelingt der Einklang von Angebot und Nachfrage?

Koop: In der 40-jährigen Biolandgeschichte war der Verlauf immer wellenförmig, bis sich Angebot und Nachfrage austariert hatten. Landwirte brauchen eine gute Ausbildung und Beratung. Am Ende entscheiden sie aber selbst, ob sie Bio machen.

Bioland NRW

Zum 40. Geburtstag hat Bioland NRW 750 Mitgliedsbetriebe. Er ist damit der größte Anbauverband in NRW. Hier gibt es insgesamt rund 2.300 ökologische wirtschaftende Betriebe, davon gehören 1.200 einem Anbauverband an. Die Biolandbetriebe bewirtschaften rund 40.000 ha der insgesamt 95.000 ha Ökofläche in NRW. Bioland NRW hat den Hauptsitz in Hamm und beschäftigt aktuell 20 Mitarbeiter.

Ein deutlicher Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei in der Beratung und Betreuung der Mitgliedsbetriebe. Stolz ist der Verband, dass er Ende der 90-er Jahre die „Aktionstage Ökolandbau“ und 2014 die „Landesvereinigung Ökologischer Landbau“ maßgeblich mit ins Leben gerufen hat, sowie den Tierwohl-Leitfaden aufgebaut hat. Weiterhin ist die Unterstützung der Betriebe bei der Vermarktung eine Aufgabe. So hat der Landesverband bereits in den 80er Jahren die Gründung der Bio-Milcherzeugergemeinschaft Nord w.V. begleitet und unterstützt deren Arbeit und die weiterer Erzeugergemeinschaften bis heute.

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