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Ideen für das Oldenburger Münsterland

Dr. Barbara Grabkowsky beschreibt, vor welchen Herausforderungen die Höfe im Oldenburger Münsterland stehen. Ihr Team von trafo:agrar gibt den Landwirten Impulse.

Ein Team von Wissenschaftlern gibt Landwirten im Oldenburger Münsterland Impulse. Partner sind Verbände der Wirtschaft und der WWF. Wir sprachen mit der Leiterin Dr. Barbara Grabkowsky.

Die Veredlungshochburg Oldenburger Münsterland galt lange als Erfolgsmodell. Warum müssen sich die Landwirtschaft und die Agrarbranche anpassen?

Die Landwirte der Region haben meist stark auf Masse gesetzt. Das wurde ihnen auch immer so empfohlen und brachte nicht nur ihnen, sondern der ganzen Region Wohlstand. Nun sind aber die Grenzen des quantitativen Wachstums erreicht. Durch die intensive Nutzung sind viele Böden – vor ­allem infolge einseitiger Bewirtschaftung – geschädigt und Gewässer durch Dünger und Pestizide ­belastet.


Hinzu kommt der gesellschaftliche Wandel, der ein Konsumverhalten forciert, das sich in Richtung Tierwohl- und Klimaschutz orientiert. Gleichzeitig setzt der internationale Wettbewerb weiter auf Kostenreduzierung. Zahlreiche Herausforderungen brechen gerade parallel auf die Landwirtschaft vor Ort ein. Damit steht die gesamte Region am Scheideweg.

Wie reagieren die Landwirte auf diesen Druck?

Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und haben existenzielle ­Sorgen. Politiker kommen ins Oldenburger Münsterland und raten ihnen: „Geben Sie am besten auf.“ Das sind harte Worte in einer Region, die seit der Nachkriegszeit auf der Erfolgsspur unterwegs war.

Für jemanden, der im gesetzlichen Rahmen produziert, ist das ein Schlag ins Gesicht. Denn bei allen Herausforderungen dürfen die Familienbetriebe nicht zum großen Verlierer werden. Denn sie haben die Region groß gemacht und bilden ihr Rückgrat.

Wie könnte ein gangbarer Weg aussehen?

Der Borchert-Plan ist aus meiner Sicht der einzige Weg. Er sollte schleunigst umgesetzt werden. Das wird zu einer Reduzierung der Tierbestände führen, doch die Landwirte werden mit innovativen Ideen weiterwirtschaften können.

Dabei wird es bunter in der Region: Es wird weiterhin Betriebe geben, die auf die internationale Schiene in Richtung Export setzen werden. Andere Betriebe stellen sich breiter oder überbetrieblich auf. Manche gehen ins Premiumsegment zum Beispiel mit alten Nutztierrassen oder Ökolandbau.

Ideenschmiede
Der Verbund Transformations­forschung Agrar Niedersachsen (trafo:agrar) möchte neue Wege in der Landwirtschaft gehen und vereint Wissenschaft und Wirtschaft. Er besteht aus fünf Forschungseinrichtungen. Das sind die Uni Göttingen, die Tierärztliche Hochschule Hannover, die Uni und Fachhochschule Osnabrück sowie die Uni Vechta.

Die Wirtschaft wird repräsentiert durch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, das Agrar- und Ernährungsforum „Oldenburger Münsterland“ und die Olden­burgische IHK. Beratend stehen der WWF Deutschland ­sowie die niedersächsischen Ministerien für Landwirtschaft und Wissenschaft zur Seite. Die wissenschaftliche Koordinierungsstelle des Verbundes sitzt seit vier Jahren in Vechta.

Welche Rolle spielt Ihr Team dabei?

Wir sind eine wissenschaftliche Einrichtung, die den Wandel aus verschiedenen Blickwinkeln begleitet. Mit einem fächerübergreifenden Team denken wir uns in die Probleme ein und gestalten gemeinsam mit der gebün­delten niedersäch­sischen Agrarkompetenz die Zukunft der Landwirtschaft. Dabei binden wir alle Akteure ein, um die Zielkonflikte in der Landwirtschaft anzugehen.

Nur gemeinsam können Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik diese Transformation bewältigen. Dabei müssen die Landwirte von Beginn eingebunden werden, um passende Handlungsoptionen zu entwickeln.

Wir gestalten mit der gebündelten niedersächsischen Agrarkompetenz die Zukunft der Landwirtschaft.


Gibt es Beispiele, die zeigen, was Sie genau machen?

Im Bereich Tierwohl konzipieren wir ein Smarthome für Schweine, das Tierwohl optimiert und Krankheiten vorbeugt. Dabei wird das Schwein zum Sensor: Es werden Aktivitäts- und Liegemuster der Tiere erfasst. Kommt es zu Änderungen im Tierverhalten, startet ein auf künstlicher Intelligenz basier­tes Spiel, das die Tiere beschäftigt.

Außerdem haben wir eine Risikoampel für die Afrikanische Schweinepest und die Geflügelpest entwickelt, bei der Landwirte einschätzen können, wie gut sie gegen die Seuchen gewappnet sind.

Gemeinsam mit Landwirten renaturieren wir kleine Ge­wässer, an die Höfe grenzen. So sensibilisieren wir die Anrainer für Gewässerschutz und finden kreative Lösungen, um Nährstoffeinträge zu senken.

Dabei setzen Sie auch stark auf digitale Anwendungen.

Wir entwickeln ein Computerspiel für Landwirte in der Lehre. In dem Spiel sehen die Anwender, welche Möglichkeiten sie haben, um auf dem Hof klimaschädliche Gase zu senken. Ein 5G-Mobilfunk-Projekt soll die Wertschöpfungsketten von Huhn und Schwein digitalisieren.

So können wir Schnittstellen schaffen, um Daten schneller in ­alle Richtungen auszuwerten, Tiere besser vor Krankheiten zu schützen, Prozesse zu optimieren und Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Ihr Ziel ist ein nachhaltiges und resilientes Agrarsystem. Können Sie das mal übersetzen?

Resilient bedeutet widerstandsfähig. Unser Agrarsystem muss so robust sein, dass es die Bevölkerung auch im Krisenfall mit regionalen Lebensmitteln sicher versorgen kann. So müssen unsere Stallsysteme und Pflanzen an den Klimawandel angepasst und sicher vor Tierseuchen sein.

Nachhaltig heißt, dass wir mehr kreislauforientiert denken müssen, da wir nicht unendlich Ressourcen verbrauchen können. Neben dem sozialen und ökologischen Teil gehört zur Nachhaltigkeit auch die ökonomische Tragfähigkeit. Innovationen werden nur umsetzbar sein, wenn sie sich lohnen. Die Umsetzung dieser Frage ist unsere Herausforderung.

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