Protestwoche

Mahnwache in Berlin: Strittige Aktion startet

Diese Woche wollen Bauern eine Mahnwache in Berlin halten, um für ein Umdenken in der Politik zu sorgen. Die Aktion ist umstritten, vor allem wegen der Fahne „Pflug und Schwert“.

Ein Zusammenschluss aus Landwirten und Nichtlandwirten will vom heutigen Montag, 15. Juni 2020, bis Samstag, 20. Juni 2020, eine Mahnwache in Berlin halten. Diese soll in der Nähe des Brandenburger Tors sowie am Potsdamer Platz stattfinden. „Wir nehmen es einfach nicht mehr hin, dass endlose Dialoge geführt und Sündenböcke gesucht werden. Unsere Betriebe sterben, unsere Ausgaben steigen ständig und unsere Existenzen werden einfach so aufs Spiel gesetzt“, sagt Jann-Henning Dircks. Der Landwirt aus Norderfriedrichskoog (Schleswig-Holstein) ist einer der Organisatoren der Aktion, zusammen mit Berufskollegen und einem Lohnunternehmer aus der Region. Sie fordern ein Umdenken in der Politik. Ein genaues Programm für die Woche oder konkrete Forderungen gibt es jedoch nicht.

Da die Landwirte durch die Demonstrationen der vergangenen Monate sehr gut durch die Sozialen Netzwerke wie Whatsapp und Facebook vernetzt sind, verbreitete sich der Aufruf zur Teilnahme schnell. Doch die Verunsicherung ist groß. Denn viele Landwirte wissen nicht, wer konkret dahintersteckt und welche Ziele es gibt.

„Land schafft Verbindung – Deutschland“ warnt davor, unbedachte Aktionen durchzuführen und betont, weder Initiator noch Organisator zu sein. Einzelne Personen von „Land schafft Verbindung – Das Original“ haben nach eigener Aussage teilweise Unterstützung geliefert, sind aber nicht an der Organisation beteiligt.

Verunsicherung und Distanzierung

Für zusätzliche Verunsicherung bei den Landwirten auch in Westfalen-Lippe sorgte eine Aktion von rund 500 Landwirten in Nordfriesland, die die Berliner Mahnwache einläuten sollte: Ende vergangener Woche stellten Bauern mit 330 beleuchteten Schlepper auf einem Feld die Fahne der Landvolkbewegung „Pflug und Schwert“ von 1929 nach.

Daraufhin distanzierte sich der Bauernverband Schleswig-Holstein umgehend von der Aktion. Und auch „LsV – Deutschland“ distanziert sich ausdrücklich von dieser Symbolik.

Jann-Henning Dircks kann das nicht nachvollziehen. „Ich würde es jederzeit wieder machen“, sagte er gegenüber dem Wochenblatt. Das Zeichen stehe für die Verbundenheit der Landwirte, schon damals, und auch jetzt. Den Vorwurf der Nähe zum Nationalsozialismus hält er für abstrus.

Die martialisch wirkende Landvolkfahne aus den 1920er Jahren mit Pflug und rotem Schwert taucht auch heute noch gelegentlich bei Bauerndemonstrationen auf - wie hier in Münster im April 2019, als Gäste aus Ostfriesland sie mitbrachten. Nicht immer allerdings ist klar, ob die Träger genau wissen, was sie da tragen. (Bildquelle: M. Koch)

Schwarze Fahne: Was steckt dahinter?

Zum Hintergrund: Die schwarze Fahne mit weißem Pflug und rotem Schwert ist 1927/28 in der sogenannten Landvolk-Bewegung in Schleswig-Holstein entstanden und war das Kampfsymbol dieser völkisch-nationalistischen Bewegung. Als Folge einer schweren Agrarkrise waren damals überall in Deutschland Bauernproteste aufgeflackert, am umfangreichsten und radikalsten in Schleswig-Holstein. Zigtausende Bauern traten dort nicht nur gegen ihre Agrarverbände auf, sondern attackierte auch den demokratischen Rechtsstaat und dessen lokale und regionale Amtsträger.

Was mit Lieferboykott und Steuerstreiks begonnen hatte, radikalisierte sich binnen kurzem in Bombenanschlägen auf Rathäuser und Finanzämter sowie in anderen gewalttätigen Aktionen. Einige Rädelsführer wurden gefasst und teils zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Nach gut drei Jahren fiel die Bewegung 1930 in sich zusammen. Es war ihr nicht gelungen, über den Norden und Nordwesten hinaus Fuß zu fassen oder gar eine eigene Bauernpartei zu gründen. Auch hatten sich etliche der bäuerlichen Anhänger nach den Gewaltakten zurückgezogen. Das Landvolk hinterließ ein politisches Vakuum, das vor allem die NSDAP für ihre Ziele nutzen konnte.



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