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Erneuerbare Energie

Windenergie: Ausbildung in der Gondel

Justin Fischer macht eine Ausbildung zum Mechatroniker. Dabei kümmert sich der 23-Jährige um Windenergieanlagen. Er kontrolliert, wartet und repariert die Rotorriesen. Höhe und Hochspannung gehören zu seinem Alltag.

Justin Fischer, links, inspiziert mit einem Kollegen eine Windenergieanlage.

In der Ferne erkennt Justin Fischer den Hambacher Forst und das rheinische Braunkohlerevier. Für einen langen Blick auf die Spuren der fossilen Energie hat er aber keine Zeit. Der 23-Jährige kontrolliert in 120 m Höhe die Flugbefeuerung auf der Gondel, wie der Kopf einer Windkraftanlage heißt.

Der junge Mann ist in Eile. Hinter ihm türmen sich Gewitterwolken auf. Ein Kollege funkt vom Boden, dass er sich langsam auf den Weg nach unten begeben soll. Gemeinsam mit einem anderen Kollegen inspiziert er eine 2,4 MW starke Anlage in einem Windpark bei Straeten im Kreis Heinsberg. Dabei schauen sie sich die komplette Anlage an – vom Kranvorplatz bis zur Gondel und der Nabe des Riesen.

Das gehört zum Alltag von Justin Fischer. Er ist im letzten Jahr der 3,5-jährigen Ausbildung zum Mechatroniker bei psm. Das Unternehmen mit Sitz in Erkelenz führt Inspektionen und Wartungen an Windenergieanlagen in ganz Deutschland durch.

In der Gondel der Windenergieanlage

Bevor Justin die Technik auf und in der Gondel unter die Lupe nehmen kann, steigt er von unten über eine Leiter in sie ein. Karabinerhaken klimpern an seiner Hose, über einen Läufer ist er an der Leiter gesichert. Auf dem Kopf trägt der junge Mann aus Hückelhoven Helm samt Lampe. Gute 4 m musste er die Leiter hinaufsteigen. Die restlichen über 100 m ist er mit dem Aufzug gefahren.

„Lieber schlecht gefahren, als gut gegangen“, sagt der Rheinländer mit einem Augenzwinkern. Er kennt es auch anders: Bei kleineren Windkraftanlagen steigt der angehende Mechatroniker den kompletten Weg per Leiter hoch.

In der Gondel, die etwa so groß wie zwei Garagen ist, empfangen ihn fast 30 °C – egal wie hoch die Außentemperatur ist. Das Getriebe der Anlage, das gerade steht, strahlt immer noch Wärme ab. In der Gondel befinden sich auch Generator, Bremse und zahlreiche Schaltschränke. Dort wird aus der mechanischen Kraft des Windes elektrische Energie.

Mit Getrieben und Generatoren kennt Justin sich mittlerweile aus. Denn der Ausbildungsberuf des Mechatronikers vereint Inhalte des Mechanikers und des Elektronikers. Justin darf Schaltschränke öffnen und kontrollieren. Einem Mechaniker ist dies zum Beispiel ohne elektrische Unterweisung nicht gestattet.

In der Gondel kontrolliert Justin Generator und Getriebe.

Arbeitssicherheit spielt eine große Rolle in dem Beruf. Starkstrom und Höhe bergen Gefahren. Dazu hat er Seminare zur Arbeitssicherheit besucht. Während der Arbeit sind Justin und seine Kollegen gesichert. Sie arbeiten ganzjährig in den Anlagen. Runter müssen sie nur, wenn die Windgeschwindigkeit auf mehr als 15 m/sek. steigt.

Schwindelfrei sein als Mechatroniker

Beim Vorstellungsgespräch musste Justin einen Höhentest machen und eine Anlage besteigen. Hätte er Schwindel gezeigt, wäre die Lehre nicht möglich gewesen. „Der Azubi ist vom ersten Tag in der Gondel unterwegs“, sagt Susanne Bleilevens, die Personalleiterin von psm. Außerdem müssen die Lehrlinge bei Antritt der Ausbildung volljährig sein. Auch sollten sie während der Schulzeit mit Mathe und Physik nicht auf dem Kriegsfuß gestanden haben.

Justin muss schwindelrei sein. Sein Arbeitsplatz liegt auf mehr als 100 m Höhe.

„Wir suchen händeringend Azubis zum Mechatroniker“, sagt die Personalerin des Unternehmens mit 130 Mitarbeitern. Für eine im gleichen Zeitraum ausgeschriebene Ausbildungsstelle zum Bürokaufmann haben sie 80 Bewerbungen bekommen, während auf die zum Mechatroniker gerade mal fünf eingegangen sind. Dabei verdient Justin in der Lehre im Vergleich zu anderen Berufen nicht schlecht. Im vierten Lehrjahr kommt er auf 1100 € brutto.

Wartung einer Windenergieanlage

Justin krabbelt um den Generator herum und schaut, ob nirgends Schmierstoffe austreten. Auch der Umgang mit der Hydraulik gehört zum Job. Die Theorie dazu lernt er an der Berufsschule. Seine Klassenkameraden machen bei verschiedenen Unternehmen ihre Ausbildung zum Mechatroniker. Was sie eint, ist der Umgang mit Generatoren, Getrieben und Steuerungen. Eine spezielle Ausbildung für den Mechatroniker für Windkraftanlagen gibt es nicht.

Justin hat während seiner Lehre andere Bereiche der erneuerbaren Energien kennengelernt. psm betreut auch Photovoltaik-Freiflächenanlagen. Bei der Kontrolle der Paneelen und Wechselrichter war vor allem Justins elektronisches Wissen gefragt. Mechanisch wird es vor allem bei der Wartung und den kleineren Reparaturen an den Windkraftanlagen. Die Wartung einer Anlage kann bis zu drei Tage dauern. Das bedeutet, dass er und seine Kollegen manchmal für mehrere Nächte auf Montage sind.

Auf der Gondel checkt Justin die Flugbefeuerung der Windenergieanlage.

Sie fetten die Lager und prüfen in der Gondel Verschleißteile. Es können Motoren, Lager sowie Getriebe oder der Bremssattel defekt sein. Kleinere Bauteile tauschen sie selbst. Das kann in der Höhe und bei der Enge schon mal sehr anstrengend werden. Eine Inspektion für die Abteilung technische Betriebsführung ist deutlich kürzer. Sie dauert maximal drei Stunden. Justin achtet auf auffällige Geräusche in der Anlage und an den Rotorblättern. Per Smartphone leitet er das Protokoll der Inspektion an das Büro in Erkelenz weiter.

Wenn alles gecheckt ist, betritt Justin wieder den Fahrstuhl. Mit ungefähr 18 m/sek. rauscht er zu Boden. Als er aus dem Sockel tritt, beginnt es zu regnen und Blitze zucken. Im Bulli ist er aber sicher. In der Windkraftanlage übrigens auch. Sie ist ausreichend geerdet.