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Start-up Serie: Wurst via Web

Der Internethandel von Lebensmittel könnte den Markt umkrempeln. Zwei Start-ups versuchen auch ihr Glück. Foto: Piepenbrock

09.05.2017 . Zwei Start-ups mit derselben Idee: Wurst und Frischfleisch im Internet vermarkten. Wie das klappt,  woran es noch hapert und wie sogar die Erzeuger profitieren können, stellen wir an zwei Beispielen vor.  

Start-up 1 "Kalieber":
Mit Profil und Tierwohl in die Post

"Es dreht sich was im Markt. Die Leute hören wieder zu, wenn es um Qualität geht.“ Daran glaubt Sarah Dhem, Fleischermeisterin und Geschäftsführerin von „Kalieber“. Sie und ihr Mann Mirko vertreiben in dem Onlineshop Wurst, Schinken, Speck und Frischfleisch. Gleichzeitig leitet sie mit ihrem Vater Werner Schulte das 80-Mann-Unternehmen „Lastruper Wurstwaren“ im Oldenburger Münsterland. Ohne die Mutterfirma würde es den Webshop nicht geben. „Wir mussten kaum in Produktionsanlagen oder Personal investieren.“ 

Und doch schwingt bei Kalieber genug unternehmerisches Risiko mit. Für den Webshop, die Markenbildung, Versandkartons und Etiketten investierten Dhems satte 100 000 €. Unsicher bleibt, ob der Verbraucher bereit ist, dauerhaft Fleisch zu kaufen, dass aufgrund höherer Tierwohlstandards, längerer Reifezeiten und höherer Erzeugerpreise rund zwei- bis viermal so teuer ist wie das Discounterprodukt.

Nur für die Nische

Lebensmittel im Netz

Immer mehr Menschen erledigen ihre Einkäufe im Internet. 2015 tauchten Lebensmittel erstmals unter den meistgekauften Produkten im Netz auf.  Obwohl derzeit nur 1,2 % der Lebensmittel über das Internet verkauft werden, ist die Bedeutung des Onlinehandels mit 2,6 Mrd. € Umsatz im Jahr 2014 nicht zu vernachlässigen.  

Grund genug für Unternehmen, zu versuchen, ihr Stück vom Kuchen  abzubekommen. Die großen Einzelhandelsketten machen es mit Lieferdiensten in Städten bereits vor. Internetriesen wie Amazon erarbeiten ebenfalls erste Konzepte. Doch auch kleinere Start-ups versuchen sich mit Internethandel (sog. E-Commerce) zu etablieren.

Auf Lebensmittel bezogen, können sie mit der Nähe zum Erzeuger und Transparenz punkten. Unter Umständen können die Erzeuger dabei gleich mit profitieren.      ep

Sarah und Mirko Dhem sind keine Traumtänzer: „Wir machen Kalieber, weil wir daran glauben. Aber mit Sicherheit ist das nicht für alle die Riesenlösung.“ Von riesig kann auch keine Rede sein. Pro Woche verarbeitet Kalieber fünf Bentheimer Landschweine und zwanzig Schweine aus einem alternativen Aktivstallkonzept. Dazu kommt Rindfleisch vom Galloway und Angus. Das sind etwa 50 Lieferungen pro Woche. Das Fleisch wird zu Wurst verarbeitet, einen Frisch­fleischversand gibt es auch. Alles, was übrig bleibt, kommt in die Werner-Schulte-Wurst – zurzeit noch ein nicht unerheblicher Teil.

Der Landwirt ist zufrieden

Kalieber verspricht dem Kunden bessere Haltungsbedingungen der Tiere. Auf der Webseite werden alle sechs Fleischlieferanten vorgestellt. Zu ihnen pflegen die Dhems eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das bestätigt Michael Ernesti aus Henglarn im Kreis Paderborn. Er beliefert Kalieber mit dem Bent­heimer Landschwein. „Ich habe bei dem Preis, den mir Mirko Dhem vor gut vier Jahren angeboten hat, sofort genickt. Ich fühle mich gut aufgehoben.“ Die Zulieferer kennen die Preise der anderen Erzeuger und erhalten die Chance, ihre eigenen Kalkulationen noch einmal nachzurechnen. 

Am Preisdruck vorbei

Koch Mirko Dhem gerät regelrecht ins Schwärmen über die Möglichkeiten, das Fleisch völlig am sonst herrschenden Preisdruck vorbei  zu verarbeiten. „In die Leberwurst  kommen getrocknete Tomaten, in das Schmalz Fleur de Sel und unsere Speckmarmelade verfeinern wir mit Whiskey.“ Normale Salami, Koteletts und Gurkensülze gibt es aber auch. 

Kunde muss Versand-Details lernen 

Rein praktisch scheint Kalieber die Herausforderung gemeistert zu haben. Nur der Kunde muss lernen, dass der Versand von Frischfleisch nicht nur teurer ist, sondern auch Regeln unterliegt: Wenn montags verarbeitet wird, muss dienstags und mittwochs der Versand erfolgen. Der Kunde hat bereits in der Vorwoche bestellt. Er wartet also eine Woche auf sein Fleisch. 

Viel zu lernen für den Konsumenten. Laut Businessplan hat er dafür drei Jahre Zeit. Wenn dann kein Gewinn erwirtschaftet wird, muss eine Entscheidung her. Familie Dhem ist optimistisch. Sie glaubt nicht an den bösen Verbraucher, der nur ‘billig’ will: „Wie sollte er bisher auch richtig einkaufen? Der Handel hat ihm ja nichts wirklich Faires geboten.“   (Eva Piepenbrock)

Start-up 2 "Wurstgeschwister":
Buchstäblich durchgewurstelt

Ein Adventskalender aus Wurstgläschen, ein Wurst-Osterhase oder ein rotes Wurstherz zum Valentinstag. Verrückte Ideen laufen am besten. Das sind die Erfahrungen der Schwestern Anja und Nadine Rüweling aus Südlohn-Oeding, Kreis Borken. Sie haben mit ihrem Bruder Daniel Mitte vergangenen Jahres die „Wurstgeschwister“ gegründet: Einen Online-Shop, der die Produkte der elterlichen Firma Fleischwaren Rüweling in neuer Optik vermarktet. 

So fing jedenfalls alles an. „Am Anfang dachten wir noch, das wird einfach ein neuer Vertriebsweg für Papa“, sagt Anja, 29 Jahre. „Aber wir haben immer weitergesponnen und neue Ideen entwickelt“, ergänzt Nadine, 27. So veränderte sich die Geschäftsidee kontinuierlich weiter. Manches lief, anderes weniger. „Eigentlich ist das hier viel ‘Trial and Error‘“, sagen die Schwestern. Egal: Der Anfang ist gemacht.

Das Leben umgekrempelt

Die Gründung im August 2016 bedeutete für Anja und Nadine einen großen Bruch im Lebenslauf. Beide hatten sich längst vom Familienunternehmen im Heimatort verabschiedet: Anja lebt in Hamburg, strebte nach dem Journalistik-Studium eine Karriere als Kriegs- und Krisenreporterin an. Nadine wohnt in Berlin und realisierte als Projektmanagerin Bildungsprojekte an Schulen. Nix mit Wurst also. 

Doch ständig bestellten Freunde und Kollegen in den Großstädten Wurst bei den Schwestern. „Wir mussten denen immer Pakete packen, wenn wir zu Hause waren.“ Klar, dass die Idee eines Wurst-Versandes da nahe liegt.

Den sicheren Job für das Start-up gekündigt

Den Webshop zogen die Schwestern fast komplett in Eigenregie auf. Im November ging er ans Netz. Bei den Produktfotos, dem Logo und den Etiketten halfen ihnen befreundete Fotografen und Designer. Alles auf Honorarbasis – also keine Verpflichtungen. Doch schon bevor das Geschäft überhaupt anlief, war den beiden klar: „Das machen wir nicht mal eben nebenbei.“ Ein Start-up aufziehen und eine 40-Stunden-Woche – das funktioniert nicht. 

Im September 2016, also zwei Monate bevor der Webshop dann „live“ ging, kündigen sie ihre festen Stellen. Die Selbstständigkeit war kein lang gehegter Traum, sagen die Schwestern. Sie hat sich eher so ergeben. „Wahrscheinlich trafen einfach leichte Zweifel im Job auf perfekte Gründungsbedingungen.“ Seitdem hält sich eine von ihnen immer in Oeding auf und überwacht die Lieferungen. 

Selbst sind die Frauen

Die Geschwister  plünderten ihre Sparkonten und finanzierten mit drei mal 10 000 € die Kartons, Honorare und Etiketten. Die Produkte kaufen sie dem Vater zum Einkaufspreis ab, etikettieren  und verpacken sie und ab geht die Post. „Da war eigenes Geld im Spiel. Das pusht die Motivation“, sagt Nadine. Schnell kam die Idee der Geschenkkörbe auf. Darin sind auch Suppen und Eintöpfe im Weckglas, Eierlikör, Brot, Kuchen und ein in der Nähe gebrannter Schnaps zu finden. Seit Januar 2017 können sich die Kunden alles selbst zusammenstellen. 

Zur Grillsaison soll der Frischfleischversand starten. Die richtige Verpackung suchen sie noch und die Hygiene-Schulung beim Gesundheitsamt steht auch noch an. Viel zu lernen für die jungen Unternehmerinnen. Denn Mitarbeiter leisten sie sich nicht. Die Schwestern sind ganz zufrieden mit der Firmenentwicklung. Derzeit  verkaufen sie drei bis vier Pakete am Tag. Wenn es zehn sind, machen sie Gewinn. 

Der Kopf steht nie still

Das Gefühl „fertig“ zu sein, kennen die Frauen nicht. Momentan zerbrechen sie sich den Kopf, wie sie „alternativ erzeugtes“ Fleisch ins Sortiment aufnehmen können. Das konventionell erzeugte Fleisch beziehen sie luxuriöserweise direkt vor der Haustür. Und die Kunden fragen auch nicht sehr oft nach „bio“. Doch online können sie sehen, wenn Kunden vor dem Kauf doch wieder wegklicken. „Suchen die dann vielleicht Biofleisch?“, fragt sich Anja.

Damit stehen die jungen Unternehmerinnern schon wieder vor neuen Aufgaben: Höfe mit alternativen Haltungsformen finden, sie aquirieren, Handelsvereinbarungen verabreden und die Verarbeitung des anderen Fleisches in den Betriebsablauf des Mutterunternehmens einspeisen. Große Pläne. Aber was soll’s – bis hierhin haben sie sich ja auch erfolgreich durchgewurstelt. (Eva Piepenbrock) 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Wochenblatt Ausgabe 17/2017.

 

 

 

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