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Landwirtschaftliche Ausbildung

Eine Laufbahn für die Lehre

Viele kennen Erwin Köster als Gesicht und Stimme der landwirtschaftlichen Ausbildung am Berufskolleg in Münster. Der Lehrer geht nach 35 Jahren in den Ruhestand – der ideale Zeitpunkt zurückzublicken.

Erwin Köster blickt auf seine Zeit im Klassenraum und auf den Höfen zurück und nennt Herausforderungen der Ausbildung.

Herr Köster, Sie haben über 5000 junge Erwachsene aus den grünen Berufen unterrichtet. Allein 3700 angehende Landwirte gehörten zu Ihren Schülern. Was muss ein guter Azubi mitbringen?

Herzblut und Leidenschaft sind ganz wichtig. Der muss brennen für die Landwirtschaft. Was mich ärgert, sind Schüler vom Hof, die sich wie Kronprinzen benehmen. Sie meinen, schon alles zu können, und treten mit einer gewissen Arroganz auf.

Wie haben sich die Schüler in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Es ist vor allem die Reife. Mit 18 Jahren sind die Schüler heute noch nicht volljährig. Das zeigt sich zum Beispiel beim Sozialverhalten. Ein einfaches Danke gegenüber Ausbildern oder Lehrern ist heute die Ausnahme. Außerdem mangelt es an Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit. Auch das Smartphone im Unterricht ist zum Problem geworden. Bei mir kommen zu Beginn der Stunde die Handys in eine Kiste auf dem Lehrerpult. Anders ist es nicht möglich.

Offenes Ohr für die Probleme der Schüler

Wie gelingt Ihnen der Umgang mit den Problemen der Schüler? Im Unterricht fehlt bestimmt meist die Zeit dazu.

Die Zeit nehme ich mir und versuche, die Probleme rechtzeitig anzusprechen. Die Schüler haben alle meine Handynummer und können mich fast rund um die Uhr anrufen. Ich melde mich – wenn gewünscht – dann auch beim Ausbilder oder schalte die Eltern ein, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Auch viele Ausbilder haben meine Nummer, um sich bei Pro­blemen melden zu können.

Welchen Stil als Lehrer haben Sie gepflegt? Was war Ihnen besonders wichtig?

Respekt bekomme ich bei Schülern, wenn ich fachlich anerkannt bin. Daher habe ich immer den Kontakt zu den Betrieben gehalten, um praxisorientiert unterrichten zu können. Dazu gehört, den Unterricht mal in den Stall zu verlegen. In den Schulstunden spiele ich manche Zusammenhänge nach. Wichtig ist, komplexe Themen anschaulich zu machen und auf das Niveau der Schüler herunterzubringen.

Unterricht zum Anfassen war Erwin Köster stets ein Anliegen.

Worauf sollte ein guter Ausbilder achten?

Neben dem fachlichen Wissen sollte er sich bewusst sein, ausbilden zu müssen. Der Azubi ist keine reine Arbeitskraft. Ausbildung bedeutet, sich Zeit zu nehmen. Außerdem muss der Ausbilder spüren, wenn etwas mit dem jungen Menschen nicht stimmt. Diese Empathie entwickelt sich oft erst in der Praxis. Ganz wichtig ist auch die Wertschätzung. Oft reicht schon ein Lob zur richtigen Zeit.

Lehrpläne müssen überarbeitet werden

Welche Herausforderungen kommen in Zukunft auf die landwirtschaftliche Ausbildung zu?

Sowohl die Ausbildungs- und Prüfungsordnung als auch der Lehrplan gehören überarbeitet. Die Ausbildungsordnung ist von 1995 und der Lehrplan von 2003. Einiges muss den Entwicklungen draußen auf den Betrieben angepasst werden. Ich nenne nur das Stichwort Digitalisierung. Das war 1995 noch kein Thema.

Hinzu kommt, dass die Zahl der Azubis zurückgehen wird. In Münster haben wir zurzeit 54 Schüler in der Unterstufe. Für das neue Schuljahr haben sich bisher erst 28 angemeldet. Einen ähnlichen Trend erkennt man an den anderen Berufsschulstandorten. Daher muss gerade jetzt verstärkt für die Ausbildung geworben werden.

Was schlagen Sie vor?

Es reicht nicht, sich als Landwirtschaftskammer auf einer Ausbildungsmesse zu präsentieren. Da geht man gegen 40 andere Unternehmen unter. Landwirte müssten in den Wintermonaten gezielt die 8. Klassen der örtlichen Schulen besuchen. Dort sollten sie den Beruf vorstellen und die Schüler einladen, an einem Samstag mal auf den Hof zu kommen.

Welche Momente werden Sie nie vergessen? Was werden Sie vermissen?

Auf jeden Fall die Fahrten zur Grünen Woche – vier Tage mit den Schülern in Berlin. Neben politischen und kulturellen Veranstaltungen habe ich dort mit den Schülern zusammen gefeiert. Selbst ehemalige Azubis, die schon Jahre fertig sind, erinnern sich daran, dass Köster Karaoke sang.

Unvergesslich ist auch, wenn ein Azubi sehr gute Leistungen in der schulischen und der betrieblichen Abschlussprüfung hatte. Noch mehr freut es mich aber, wenn ein eher schwacher Kandidat alles gegeben hat in der Prüfung.

Schön ist immer wieder, wenn jemand im Nachhinein sagt, dass mein Unterricht fordernd war, er aber im Rückblick richtig was gelernt hat. Denn dafür habe ich die ganzen Jahre den Unterricht gemacht. Das wird mir fehlen.

Das vollständige Interview im Wochenblatt-Ausgabe 30 auf Seite 86 und 87.


Landwirtschaft mit der Mutter­milch aufgesogen
Ende August geht Erwin Köster in den Ruhestand. Der 63-Jährige stammt aus Warstein-Hirschberg im Kreis Soest. „Die Landwirtschaft habe ich mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt er selbst. Aufgewachsen auf einem Nebenerwerbsbetrieb hat er schon früh auf dem größten Hof des Ortes mitgearbeitet und so viele Jahre praktische Erfahrung gesammelt.
Im Anschluss studierte er in Göttingen Agrarwissenschaften. Nach einem Jahr als Futtermittelberater entschloss er sich zum zweijährigen Agrar­referendariat. Aus dem Plan, Berater bei der Landwirtschaftskammer zu werden, wurde nichts. Zum Glück, denn er fand seine wahre Berufung: Seit 1984 ist er Lehrer am Wilhelm-Emmanuel-von-Ketteler-Be­rufs­­kolleg in Münster. Ohne seinen Einsatz wäre der Standort Anfang des Jahrtausends vermutlich geschlossen worden. Mittlerweile zählt das Berufskolleg zu den Schulen in NRW mit den meisten landwirtschaftlichen Azubis.