Der Hof wird zur Zuflucht

Viele Familien nehmen Flüchtlinge aus der Ukraine auf. Auf den Hof der Krämers in Herford-Elverdissen leben drei Geflüchtete. Sie erzählen von der Ankunft und dem Alltag mit den Gästen.

Von heute auf morgen haben Claudia und Jörg Krämer ihr Schlafzimmer geräumt. Sie zogen in ein leer stehendes Kinderzimmer. Das Büro der Familie wanderte in den Flur. Denn in den beiden Räumen wohnen seit mehr als zwei Wochen drei Flüchtlinge aus der Ukraine.

Der Hof in Herford-Elverdissen ist für die 27-jährige Olga, für ihren sechsjährigen Sohn Dema und für ihre 49-jährige Mutter Inna zur Zuflucht geworden. Sie sind mit dem eigenen ­Auto aus der Stadt Uman in der Zentralukraine nach einem mehrtägigen Stopp in Polen bis nach Ostwestfalen gefahren.

Schwanger auf der Flucht

Zurücklassen musste Olga, die im fünften Monat schwanger ist, ihren Ehemann. Ihn hat sie anstatt, wie geplant im März, noch im Februar geheiratet. Auch ihr 21-jähriger Bruder und ihr Vater warten auf die Einberufung zur Armee. Nun ist der Hof der Krämers mit seinen 300 Sauen vorübergehend ihr neues Zuhause. Dort leben sonst drei Generationen – neben dem Ehepaar Krämer drei der vier Kinder im Alter zwischen 16 und 24 Jahren plus die Altenteiler.

Claudia Krämer läuft es kalt den Rücken herunter, wenn sie die Bilder der Flüchtlinge – vor allem Frauen und Kinder – im Fernsehen sieht. „Wir haben das im Familienkreis besprochen und uns dann beim WLV gemeldet, dass wir Zimmer für Flüchtlinge hätten“, erzählt sie.

Der Kontakt kam über den WLV in Herford zustande. „Am Montag kam der Anruf. Am Dienstag waren sie da“, sagt sie. Tochter Pauline, die in Soest Agrarwirtschaft studiert, erinnert sich an die Gänsehaut, als die Flüchtlinge ankamen. „Das war sehr unreal. Beide Seiten wussten nicht, was auf sie zukommt“, schildert sie.

Doch einen Tag nach der Ankunft gab es etwas zu feiern: Olga hatte Geburtstag. Pauline backte Kuchen und die Flüchtlinge besorgten Sekt. An sich ruhten die Flüchtlinge zu Beginn aber aus, um die Strapazen der Flucht zu verarbeiten.

Toleranz in der Küche

Nach zwei Wochen ist etwas Alltag auf dem Hof eingekehrt. Die Familie Krämer und ihre Gäste verständigen sich mit Händen und Füßen oder per „translate.google“. Denn nur Olga spricht etwas Englisch.

Wer Geflüchtete aufnimmt steht vor einigen praktischen Herausforderungen. Wie kann Kommunikation gelingen? Was mache ich bei psychologischen Problemen? Hier finden Sie Tipps und hilfreiche Adressen.

Die Krämers teilen sich mit den Flüchtlingen die Küche. Sie haben ihnen einen eigenen Kühlschrank organisiert. Manchmal essen sie gemeinsam Mittag. Zum Frühstück hingegen mögen die Ukrainer es gerne warm und deftig. ­„Jeder hat etwas andere Abläufe in der Küche. Das muss man tolerieren“, sagt Claudia Krämer.

Die Frauen packen in der Küche und im Haushalt mit an. „Sie sehen die Arbeit. Im Garten hat Inna schon mit meiner Schwiegermutter Kohlrabi und Salat gepflanzt“, erzählt Claudia Krämer. Dabei spricht Inna viel über den Krieg und ihre Heimat. „Auch wenn man nicht alles versteht, ist es doch wichtig ihnen zuzuhören“, betont Claudia Krämer.

Tiere brechen das Eis

Pauline hat den kleinen Dema ins Herz geschlossen. Sie führt ihn auf ihren Shetlandponys herum und lässt ihn mit den Hunden spielen. „Die Tiere brechen das Eis“, sagt sie. Außerdem hat die Familie für den Jungen ein altes Kinderfahrrad und ein großes Kettcar wieder fit gemacht.

„Zu Beginn war er sehr still. Doch sein Lächeln kehrt zurück“, erzählt Pauline. Leider gibt es auf dem Hof keine Gleichaltrigen. Damit Dema mit anderen Kindern toben kann, geht’s sonntags auf einen Spielplatz.

Angemeldet hat Yulya Kasyan, Mitarbeiterin beim WLV-Kreis­verband Herford und gebürtige Ukraine­rin, die Flüchtlinge bei der Stadt Herford. Die schwangere Olga braucht bald einen Termin beim Frauenarzt. Claudia Krämer steht ihr dabei zur Seite.

„Dabei ist es eine Gratwanderung“, sagt Claudia Krämer. Auf der einen Seite will sie die Flüchtlinge in den Alltag mit einbinden, auf der anderen Seite aber auch genug Rückzugsraum geben. „Nach dem Abendessen zieht sich jeder zurück“, sagt die Landfrau.

Empfehlen kann sie es aber jedem, der Platz hat, Geflüchtete aufzunehmen oder wie Pauline Krämer es sagt: „Es ist eine große Freude, ­jemanden für eine Zeit ein neues Zuhause zu geben.“

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Landwirt Dietrich Treis lebt seit 1999 mit seiner Familie in der Ukraine. Er konnte rechtzeitig fliehen. Nun verfolgt er besorgt die Lage der UkrainerInnen und den Getreide-Weltmarkt.