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Stille Helden in der Nacht: Die Retter der Familie Spiegel

Bauern im Münsterland versteckten unter Gefahr für ihr eigenes Leben die Familie des jüdischen Viehhändlers Menne Spiegel aus Ahlen. Marga Spiegel hat ihre Erinnerungen dem Wochenblatt erzählt.

Marga Spiegel und ihre Tochter Karin auf dem Hof Aschoff in Herbern.

Es ist lange her, aber dennoch bis heute lesenswert: Dem Wochenblatt hat Marga Spiegel 1990 ihre Lebensgeschichte erzählt. Wir dokumentieren den Bericht an dieser Stelle.

"Unbesungene Helden“ – so bezeichnete ein Historiker jene winzige Schar mutiger Menschen, die in Deutschland und den besetzten Ländern unter höchster Lebensgefahr Juden vor dem sicheren Tod in den NS-Vernichtungslagern retteten. Den Mut zu solcher Hilfe brachten nur verschwindend wenige Menschen auf – unter ihnen auch einige Bauernfamilien im Münsterland. Sie versteckten und versorgten in den Kriegsjahren den Ahlener Viehhändler Siegmund "Menne" Spiegel, seine Frau Marga und die Tochter Karin.

„Ich bin mir nicht sicher“, so Marga Spiegel später, „ob ich die Nerven für eine solche Mutprobe gehabt hätte; denn in jener Zeit unmenschlichen Terrors, da jeder von jedem bespitzelt wurde und schon ein Hauch Verrat bedeuten konnte, setzte man durch solche Hilfe sein Leben aufs Spiel.“

Lange vor dem Krieg begann für die Ahlener Viehhändlerfamilie Spiegel die Chronik der Angst und Verfolgung. Marga Spiegel hat sie nach dem Krieg unter dem Titel „Retter in der Nacht“ aufgezeichnet und darin den mutigen Bäuerinnen und Bauern ein Denkmal gesetzt.

Überfall in der "Kristallnacht"

Früh schon hatte Marga Spiegel ans Auswandern gedacht. Ihr Mann, Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkrieges und Träger des Eisernen Kreuzes, glaubte hingegen, dass niemand es wagen werde, „Hand an mich zu legen“. So wie er dachten viele jüdische Bürger – bis zur „Kristallnacht“ im November 1938. In dieser Nacht wurde die Familie Spiegel in der Wohnung brutal überfallen. Der Vater der Frau wurde noch in derselben Nacht ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Vier Wochen später war er tot, „an inneren Verblutungen verstorben“, wie es hieß.

Im Oktober 1939, vier Wochen nach Kriegsbeginn, mussten sämtliche Juden die Stadt verlassen. Der Ortsgruppenleiter wollte Ahlen „judenfrei“ sehen. Die Familie Spiegel fand in einer Baracke in Dortmund eine neue Unterkunft. Siegmund Spiegel fand auch Arbeit bei einem Mann, der seine jüdischen Arbeiter wieder und wieder „reklamierte“, als es ab Dezember 1941 hieß, die Juden sollten „in den Osten“ transportiert werden. Ein Dortmunder Polizist, den Siegmund Spiegel von früher kannte, flüsterte ihm zu: „Wenn sie dich zum Osten schicken, sieh zu, dass du eines Tages nicht in einen geschlossenen Wagen steigst. Dann bist du in fünf Minuten vergast! Ich habe es selbst gesehen.“ Die Spiegels waren entsetzt. Sie beschlossen, unterzutauchen – aber wo?Unterschlupf auf dem Bauernhof

Siegmund Spiegel wandte sich an Freunde und Bekannte, die ihn als Viehhändler kannten. Der Nordkirchener Bauer Hubert Pentrop sagte ihm: „Wenn sie dich nach Polen schicken wollen, geh nicht mit. Von dort hört man nichts Gutes. Komm zu mir, ich verstecke dich!“ Hatten Soldaten auf Heimaturlaub dem Bauern erzählt, wohin die Juden verschleppt wurden, hatte er gehört von dem Massenmord der deutschen Besatzer in den Lagern im Osten?

Bald fand Siegmund Spiegel auch ein Versteck für seine Frau und das Kind. Die Bäuerin Maria Aschoff aus Herbern hatte sich bereit erklärt, Marga und Karin Spiegel aufzunehmen. Als die Spiegels am 27. Februar 1943 aufgefordert wurden, sich bei der Sammelstelle, dem Schlachthof in Dortmund einzufinden, von wo der letzte Deportationszug aus Westfalen in die Vernichtungslager rollen sollte, tauchten sie unter.

Von Versteck zu Versteck

Während Marga Spiegel am frühen Morgen mit ihrem Kind das Versteck auf dem Hof Aschoff in Herbern aufsuchte, fuhr ihr Mann nach Dolberg. Dort hatte ihm eine andere Bauernfamilie angeboten, ihn zu verbergen. Drei Wochen konnte er dort bleiben. Dann hielten die Schwestern, die auf dem Hof wohnten, die Angst, entdeckt zu werden, nicht länger aus. „Wer“, so fragt Marga Spiegel, „kann ihnen deswegen zürnen?“

Ein anderer Bekannter, der Milchhändler und Kleinbauer Bernhard Sickmann aus Werne, bot ihm ohne Zögern Unterschlupf. Auch hier konnte Siegmund Spiegel nicht lange bleiben. Der Hof lag direkt an einer Hauptstraße. Zu viele Leute hätten ihn entdecken können. Bernhard Sickmann brachte ihn zur Bauernfamilie Pentrop in Nordkirchen.

Nächtelange Gespräche

Hubert Pentrop, dessen Frau gerade ihr siebtes Kind erwartete und im Krankenhaus lag, nahm Siegmund Spiegel für einige Monate auf. Abends suchte der Bauer ihn im Versteck auf, brachte ihm Essen und sprach mit ihm nächtelang. Hier auch konnte Marga Spiegel ihren Mann zum ersten Mal wiedersehen.

Neun Monate lang hielt sich Siegmund Spiegel bei den Pentrops versteckt. Im November 1943 entdeckte ihn ein Junge, der sein „Pflichtjahr“ auf dem Hof Pentrop ableistete. Neue Zuflucht fand Siegmund Spiegel wenig später auf einem anderen Hof in Ascheberg – und wieder musste er nach einigen Wochen fort. Den Bauersleuten war die Furcht unerträglich geworden.

Bei Nacht und Nebel suchte Siegmund Spiegel ein neues Versteck. Die Nordkirchener Bauernfamilie Silkenböhmer nahm ihn auf.Ein ungeheiztes Zimmer und gütige WorteDie Silkenböhmers brachten ihn in einem abgelegenen Zimmer unter. Hier konnte Siegmund Spiegel jederzeit fliehen, wenn Gefahr drohte. Die Bäuerin brachte ihm still und leise Essen aufs Zimmer, spülte heimlich das Geschirr, damit niemand etwas entdeckte. Zum Kummer der Bauersleute konnte das Zimmer nicht geheizt werden. Nachbarn oder Angestellte hätten Rauch oder die getauten Fensterscheiben sehen können. Nur nachts konnte Siegmund Spiegel zu den Bauersleuten gehen, sich aufwärmen und aussprechen. „Und wie viel bedeutete in jener Zeit ein gütiges Wort von wohlwollenden Menschen!“

27 Monate konnte sich Siegmund Spiegel hier versteckt halten, bis Kriegsende. Die Bauersleute wussten, wo seine Frau und sein Kind sich aufhielten, und manchmal sogar luden sie sie für kurze Zeit ein, damit sich die drei wiedersehen konnten. Die meiste Zeit musste Siegmund Spiegel allein verbringen. „Wie viele durchwachte Nächte gab es für ihn“, erinnert sich Marga Spiegel. „Welche Pein erlebt ein Mensch, der Tag und Nacht allein ist und der zu grübeln beginnt über das furchtbare Schicksal, das den Juden zugedacht war …“

Eine Bleibe für Marga und Tochter Karin

Und was war nun aus seiner Frau Marga und der Tochter Karin geworden? An dem Tag im Februar 1943, als sich die Wege der Familie Spiegel trennten, war Marga Spiegel mit dem vierjährigen Mädchen zum Hof Aschoff nach Herbern gefahren. Die Aschoffs hatten den beiden Unterschlupf angeboten.Nur die beiden ältesten Töchter der Aschoffs durften erfahren, wer die Gäste wirklich waren. Die anderen Kinder waren zu jung; die Gefahr, dass sie das Geheimnis ausplauderten, war zu groß. Ihnen und allen anderen, die auf den Hof kamen, gab sich Marga Spiegel als „Frau Krone“ aus, deren Mann Soldat sei und die mit ihrem Kind in Dortmund ausgebombt sei.

Die Spiegels waren gerade eine Woche auf dem Hof, als ein Wachtmeister kam und sich in der Küche zu der gerade vierjährigen Tochter wandte: „Na Kleine, wie heißt du denn?“
„Karin.“
„Und weiter?“
Die Mutter erstarrte … „Krone“, antwortete ihre Tochter ohne Stocken. Dieser Name war ihr vorher Tag für Tag eingeschärft worden. Der Wachtmeister nahm sie auf den Schoß, strich über ihre blonden Zöpfe und meinte: „Du bist doch wirklich ein richtiges deutsches Mädchen!“

Später sollte Marga Spiegel weitere solcher absurden Feststellungen zu hören bekommen. Einmal wurden junge Soldaten auf dem Hof Aschoff einquartiert, und einer von ihnen eröffnete Marga Spiegel eines Abends am Herdfeuer seine „Rassenlehre“: Was ein Jude sei, könne er nicht so ohne Weiteres erklären. Er fühle es eben ganz einfach, wenn jemand Jude sei; er spüre ganz instinktiv, wenn ein Jude in seine Nähe komme. „Es war schon recht schwer, unter den vielsagenden Blicken meiner ‚Verbündeten‘ unbefangenen Ernst zu wahren.“

Immer wieder Unterschlupf auf anderen Höfen

Auf dem Hof Aschoff herrschte bald ein ständiges Kommen und Gehen. Evakuierte Familien aus den ausgebombten Städten wurden auf dem Hof einquartiert. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war groß. Deswegen suchte Marga Spiegel mit ihrem Kind ab und zu für einige Zeit ein anderes Versteck auf. Die Familie Sickmann aus Werne, die bereits Siegmund Spiegel für kurze Zeit aufgenommen hatte, nahmen Marga „Krone“ und ihre Tochter zeitweilig auf, ebenso auch die Bauernfamilie Südfeld in Südkirchen.

Sogar die Familie Pentrop in Nordkirchen, bei der ein Pflichtjahrjunge Siegmund Spiegel wenige Monate vorher entdeckt hatte, brachte den Mut auf, Marga Spiegel und der Tochter Unterschlupf zu gewähren.

Polizei-Besuch in der Nacht

Drei Tage erst waren sie auf dem Hof Pentrop, als mitten in der Nacht zwei Gendarmen aus Nordkirchen an der Haustür klopften. Sie sollten das Haus durchsuchen, eine unangemeldete Person halte sich im Haus auf! Der Bauer erschrak zutiefst. „Das muss aber ein Irrtum sein“, erwiderte er geistesgegenwärtig, „oder eine falsche Anschuldigung gegen mich. In meinem Haus ist keine Person versteckt. Wenn ihr mir aber nicht glaubt, könnt ihr ja selber nachsehen.“Die Polizisten schenkten ihm Glauben, wagten es vielleicht auch nicht, dem angesehenen Bauern eine Lüge zu unterstellen. Er musste unterschreiben, dass die Hausdurchsuchung stattgefunden habe und er niemanden verberge. Nachdem der Bauer den Schock einigermaßen verwunden hatte, wandte er sich erschöpft an Marga Spiegel: „Erst die Entdeckung Ihres Mannes hier, und jetzt das. Das geht über meine Kräfte. Ich kann einfach nicht mehr.“

Zu den Aschoffs konnte die junge Mutter mit ihrer Tochter vorerst nicht zurückkehren. Wohin jetzt? Ihr fiel die Familie Sickmann in Werne ein, wo die beiden erst wenige Wochen zuvor untergekommen waren. Wie hatten sich die Sickmanns doch verabschiedet? „Wenn Sie wieder einmal mit Karin kommen wollen oder müssen, kommen Sie. Sie wissen ja, wo wir wohnen!“ Hier wurden die beiden „mit offenen Armen aufgenommen“, wie sich Marga Spiegel später erinnert.

Endlich Kriegsende und Wiedersehen mit dem Ehemann

Nach einiger Zeit kehrten die beiden wieder auf den Hof Aschoff zurück. Hier erlebte Marga Spiegel, nach Jahren der Angst und des Bangens, am Karfreitag 1945 den langersehnten Tag der Befreiung. Amerikanische Panzer rollten in Herbern ein. Noch am selben Tag konnte sie ihren Mann Siegmund Spiegel in die Arme schließen.

Über die Freude ihrer Befreiung legte sich bald ein tiefer Schatten. Die Familie Spiegel, so erfuhren sie bald, hatte 37 Angehörige verloren, ermordet in den deutschen Vernichtungslagern in Osteuropa. Die einstmals blühende jüdische Gemeinde ihrer Heimatstadt Ahlen gab es nicht mehr.

Die mutige Tat ihrer „Retter in der Nacht“ hat die Familie Spiegel nie vergessen. Noch heute halten Marga Spiegel, deren Mann vor einiger Zeit verstarb, und der Kreis der beteiligten Familien regelmäßigen Kontakt aufrecht. Auf Vorschlag von Marga und Siegmund Spiegel wurden die beteiligten Bauernfamilien mit dem höchsten Preis ausgezeichnet, den der Staat Israel an Nichtjuden vergeben kann – dem Ehrentitel „Gerechte der Völker“. In der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, die des deutschen Massenmords an den Juden gedenkt, erinnert eine „Allee der Gerechten“ an jene Menschen, die im Krieg unter Lebensgefahr Juden vor der Verfolgung retteten. Hier sind auch die Namen der Münsterländer Bauernfamilien verewigt.

Gisbert Strotdrees

Der Bericht erschien 1990 im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe und später im Buch "Höfe, Bauern, Hungerjahre – aus der Geschichte der westfälischen Landwirtschaft 1890-1950" (Landwirtschaftsverlag Münster 1991, vergriffen).