Ortsvorsteher: Die Hausmeister des Dorfes

Sie sind jung. Sie sind engagiert. Sie kümmern sich um die Belange ihres Dorfes. Ein Ortsvorsteher und eine Ortsbürgermeisterin erzählen, warum sie sich für dieses Ehrenamt entschieden haben.

Reißverschluss und Hausmeister – diese Begriffe fallen Hendrik Wieneke-Stöcker spontan zum Amt des Ortsvorstehers ein. Seit 2017 hat der 34-Jährige das Ehrenamt in Bökenförde, einem Ortsteil von Lippstadt, inne. Wie ein Hausmeister löst er manche Aufgaben selbst. Bei anderen weiß der Landwirt, wen er in der Verwaltung ansprechen muss. Denn als Ortsvorsteher ist er das Bindeglied zwischen Dorf und Rathaus.

Wie ein Reiß­verschluss versucht er beide Seiten zusammenzubringen. Reißverschluss aber auch, weil er die Einwohner zusammenführen möchte. „Manchmal reißen sie aber auch an mir“, erzählt er lachend.

Zur Halbzeit eingewechselt

In der Halbzeit der vergangenen Legislaturperiode übernahm Hendrik Wieneke-Stöcker das Amt in dem 1500 -Einwohner-Dorf – mehr oder weniger zur Probe. Der damals 29-Jährige wollte zunächst testen, ob das Amt mit der Arbeit auf dem Hof vereinbar ist. Denn der Agraringenieur führt seit 2014 den elterlichen 100-ha-Betrieb mit 100 Sauen und angeschlossener Mast. Der Hof liegt mitten im Ort nahe der Kirche.

Neben der Landwirtschaft interessierte er sich schon immer für Kommunalpolitik. „Seit ich denken kann, war es Thema am Küchentisch“, sagt er. Sein verstorbener Großvater war sein Vorvorgänger. „Das Engagement wurde mir in die Wiege gelegt“, so der Landwirt. Selbst ist er in mehreren Vereinen aktives Mitglied und sitzt seit 15 Jahren im Vorstand des Schützenvereins. Daher fiel ihm die Entscheidung zur Kommunalwahl 2020 wieder anzutreten leicht. Einen Gegenkandidaten gab es nicht.

Corona-konform nahm er seine Ernennung zum Ehrenbeamten auf dem Parkplatz des Rathauses in Lippstadt entgegen.
Im Rat sitzt er nicht. Wenn das Dorf auf der Tagesordnung steht, kann ihm das Rederecht erteilt werden. Darauf muss er sich vorbereiten. Die gemeinsame Zeit mit seiner Freundin kommt dann etwas zu kurz. Sie steht aber hinter ihm.

Manchmal zeigt der Einsatz Erfolg: Auf seinen Einwurf hin wurde ein geplantes Wirtschaftswegekonzept für die Kommune überdacht. „Insgesamt ist die Arbeit als Ortsvorsteher leistbar“, sagt er. Dass er mal ein Zeugnis beglaubigt, kommt selten vor. In Vertretung für den Bürgermeister überreicht er Blumensträuße ab dem 80. Geburtstag und zu Hochzeitsjubiläen.

Ein Blick in die Gemeindeordnung NRW
Das Gemeindegebiet kann in ­Bezirke (Ortschaften) eingeteilt ­werden. Für jede Ortschaft sind vom Rat entweder Bezirksausschüsse zu bilden oder Ortsvor­steher zu wählen. Der Rat kann beschließen, dass der Ortsvorsteher den Titel Ortsbürgermeister führt.
Ortsvorsteher wählt der Rat und berücksichtigt, wie die Parteien bei der Kommunalwahl im jeweiligen Bezirk abgeschnitten haben. Die Ortsvorsteher sollen in dem Bezirk wohnen. Falls sie nicht Ratsmitglied sind, dürfen sie in den Sitzungen zwar nicht mitentscheiden, können aber „gehört werden“, wie es im Juristendeutsch heißt.
Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung von 203,70 € monatlich. Die Gemeinde kann stattdessen in der Hauptsatzung bestimmen, dass die Höhe der monatlichen Aufwandsentschädigung abhängig von der Einwohnerzahl ist. Dann kann sie von 124 € bei unter 500 Einwohner bis zu 203 € bei über 3000 Einwohner liegen.

Doch warum hat gerade er das Amt angenommen? „Ich identifiziere mich stark mit dem Dorf und kenne es aus unterschiedlichen Perspektiven: als Einwohner, Landwirt und Vereinsmitglied“, betont er. Er will zeigen, dass man nicht erst graue Haare haben muss, um Ortsvorsteher zu sein.

Mit 29 Jahren war er der jüngste Amtsinhaber im Stadtgebiet. Mittlerweile gibt es weitere, die noch keine 30 Jahre sind, in den 17 Ortsteilen. Auf seine Idee hin tauschen sie sich regelmäßig in einer Whatsapp-Gruppe aus. „Das ist eine Art Selbsthilfegruppe. Meist ähneln sich die ­Probleme“, sagt er.

Das Parteibuch spielt dabei keine Rolle. Gemeinsam boxten sie über ihre Ratsmitglieder gegen den Willen des Bürgermeisters eine weitere Kolonne des Bauhofes durch. Denn die Pflege der Grünanlagen und Friedhöfe ließ zu wünschen übrig.

Vorort und Fuhrpark


„Das Amt ist nicht immer vergnügungssteuerpflichtig“, sagt Hen­drik Wieneke-Stöcker. Ihn nervt, dass manche Bürger nicht zwischen Person und Amt trennen können. Sie sehen in ihm nur noch den Ortsvorsteher. Als Landwirt wird er besonders beäugt. Zum Beispiel wenn er nicht sofort die Feldwege säubert. Dann heißt es: „Der Ortsvorsteher muss doch …“.

Sein Beruf hat aber viele Vorteile: Im Unterschied zu vielen Einwohnern arbeitet er vor Ort und verfügt über einen gut ausgestatteten Fuhrpark. Er wässert mit dem Wasser­fass die neugepflanzte Friedhofshecke und holt Wagen­ladungen Rindenmulch für die Grünanlagen. Sein Einsatz hat Grenzen: Ein Bökenförder meinte, dass der Ortsvorsteher seinen Umzug stemmen müsste. Der bekam eine freundliche Absage.

Sorgen bereitet ihm das sinkende Engagement. „Die Nähe zu Lippstadt ist Segen wie Fluch“, sagt er. Es steht kein Haus leer. Der Ort entwickelt sich aber zu einem Schlafdorf. Vereine und Zugezogene müssten aufeinander zugehen, ­findet Hendrik Wieneke-Stöcker. Dazu plant er mit der Vereinsgemeinschaft einen wöchentlichen Mittagstisch für alle Generationen – wo wir wieder beim Reiß­verschluss wären.

Im Ort und im Rat

Ratsfrau, Rechtsfachwirtin und zweifache Mutter – das alles ist Sabine Kleinschmidt. Seit November 2020 darf sich die 33-Jährige auch Ortsbürgermeisterin von Wille­bad­essen-Engar im Kreis Höxter nennen. Der Titel erinnert ein wenig an die Zeit vor den Gemeindereformen der 1960er- und 1970er-Jahre, als fast jedes Dorf in NRW einen eigenen Bürgermeister hatte.

Im Rat saß sie schon in der vorangegangenen Periode. „Jetzt stehen noch stärker die Belange des 300-Einwohner-Dorfes für mich im Fokus“, sagt die Ostwestfälin. Gerade geht es um die neue Bushaltestelle. Sie ist zwar barrierefrei, liegt aber im Gegensatz zur ­alten direkt an der Hauptstraße. Sabine Kleinschmidt fordert ein Tempolimit und regte eine Verkehrsmessung an. Als Teilerfolg verbucht sie ein Hinweisschild zum Schulstart.

Sabine Kleinschmidt stammt nicht aus einer „Ortsvorsteher-Dynastie“, interessiert hat sie die Kommunalpolitik schon immer. Als Rechtsfachwirtin bringt sie das Wissen mit, wenn es um juristische Fragen geht. Wichtig ist für sie, dass die Familie hinter ihr steht. Vier weitere Mütter aus dem Ort unterstützen sie. Im Dezember organisierte das Quintett einen beson­deren Adventskalender. Im ganzen Ort entdeckten die Kinder verschiedene beleuchtete Fenster und bekamen dort Süßigkeiten. Die jährliche Ortspauschale der Gemeinde – 300 € plus 50 Cent pro Einwohner – steckte sie zuletzt in neue Geräte für den Spielplatz.

Im Rat sitzt Sabine Kleinschmidt im Hauptausschuss und im Bildungsausschuss. „Manche sagen: Mach doch mal mehr Geld für ­Engar locker“, erzählt sie. Als ­Ratsfrau muss sie aber auch das Wohl und die Kasse der Gemeinde im Auge behalten.

Wichtig ist für Sabine Kleinschmidt der Austausch mit den Bürgerinnen und ­Bürgern im Ort. Vor allem die jungen Familien liegen der Mutter am Herzen. (Bildquelle: Otte)

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