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Kniegelenkersatz

Mit 47 zwei künstliche Knie

Schmerzhafte und steife Gelenke sind erste Anzeichen einer Arthrose. Sind wichtige Knorpelschichten zerstört, hilft oft nur ein Kunstgelenk. Bis dahin ist es meist ein langer Leidensweg. Das musste auch Werner Schuh erfahren.

Schwer heben und tragen darf Werner Schuh mit zwei künstlichen Kniegelenken nicht mehr. So gut es geht, hilft er seinem Bruder auf dem landwirtschaftlichen Betrieb mit Pferdepension und Haltung spezieller Rinderrassen.

Leichtathletik ist in jungen Jahren seine Leidenschaft. Werner Schuh betreibt Leistungssport, nimmt sogar an Landesmeisterschaften teil. Doch mit 17 Jahren ist damit Schluss. Sein rechtes Knie macht nicht mehr mit. „Ich hatte oft Schmerzen beim Gehen und einen stechenden Schmerz im Gelenk“, erzählt der Landwirtssohn aus Mönchengladbach. Ein Orthopäde röntgt das Knie und stellt erste Anzeichen einer Arthrose fest. „Der Arzt hat mir schon damals prophezeit, dass ich nicht mit meinen eigenen Knien ins Grab gehen werde“, berichtet Werner Schuh.

O-Beine fördern eine Arthrose

Schon als junger Mann hat er leichte O-Beine. Diese Fehlstellung der Beine verschlimmert sich im Laufe der nächsten 25 Jahre so massiv, dass eine Arthrose die Gelenkknorpel zerstört und nur noch eines hilft – ein künstlicher Knieersatz (Endoprothese). Doch bis dahin lässt er einiges an Therapien und chirurgischen Eingriffen über sich ergehen. Auch die Operation des Gelenkersatzes ist kein „Zuckerschlecken“, aber für den gelernten Landmaschinenmechaniker das Beste, was ihm passieren kann.

Mit 19 Jahren unterzieht sich Werner Schuh aufgrund seiner Beschwerden einer Pridibohrung. Bei diesem Eingriff wird der Gelenkknochen des Knies angebohrt. Dadurch entwickelt sich mit der Zeit Faserknorpel, der die Funktion des geschädigten Gelenkknorpels ersetzen soll. Dieser Eingriff ist jedoch nur bei kleinen Defekten am Knorpel sinnvoll. Außerdem ist der sich bildende Faserknorpel nicht so belastbar wie der natürliche Gelenkknorpel. Werner Schuh empfindet dadurch zunächst Entlastung.

Man muss für sich abwägen, wann der richtige Zeitpunkt für einen Ersatz ist.

Ausgebrochener Knorpel blockiert das Knie

Mit 26 Jahren schießen ihm beim Reifenwechsel eines Schleppers plötzlich starke Schmerzen ins rechte Knie. Er kann es nicht mehr gerade strecken. Ihm wird Cortison ins Knie gespritzt. Aber das hilft nicht. Erst eine Gelenkspiegelung (Arthroskopie) bringt die Ursache ans Licht. Es hatte sich im Knie ein etwa 5-Mark-Stück großes Knorpelstück gelöst und die Beweglichkeit des Gelenkes eingeschränkt. Der Knorpel wird stationär entfernt, doch im Anschluss daran schwillt das Knie immer wieder an und muss punktiert werden.

Als er seine Tätigkeit nach mehreren Wochen wieder aufnimmt, ist der Landmaschinenmechaniker auf Unterstützung seiner Kollegen angewiesen. Er darf sein Knie nicht so stark belasten, muss außerdem öfter und rechtzeitig Pausen einlegen.

Lange Gehstrecken laufen oder reiten, das fällt ihm zunehmend schwer. Auch ist langes Stehen schmerzhaft. Die Schmerzen versucht er mit Schmerzmitteln, mal mit Wärme mal mit Kälte zu reduzieren. Auch Physiotherapie und körperliche Übungen lindern – alles nicht aber auf Dauer.

Er probiert alternative Behandlungen aus

Im April 1999 macht ihm dann auch noch das linke Knie zu schaffen. Die Ärzte stellen einen Miniskusschaden fest und glätten während der Gelenkspiegelung den Knorpel im Kniegelenk. Doch schmerzfrei wird er nicht. Kann er es gar nicht mehr aushalten, nimmt er entzündungshemmende Schmerzmittel, auch wenn sie ihm immer öfter auf den Magen schlagen.

Inzwischen sucht er auch nach alternativen Behandlungsmethoden. Spezielle Bandagen, Globuli und Akupunktur beim Heilpraktiker – das alles hat nichts geholfen, so sein Resümee. Eine Behandlung mit Hyaloronsäure, die ins Knie gespritzt werden muss, lehnt er ab: „Wenn am Trecker die Zapfwelle kaputt ist, kann ich schmieren, wie ich will, das hilft auch nicht.“

Ihm werden Knorpelzellen transplantiert

Als Spätsommer 1999 auch im linken Knie ein Stück Knorpel ausbricht und entfernt werden muss, raten ihm die Fachärzte in der Klinik zu einer körperzelleigenen Knorpelzelltransplantation. Werner Schuh willigt ein, denn im Idealfall lassen sich damit die Defekte im Gelenkknorpel ausgleichen. Ihm werden brauchbare Knorpelzellen aus dem Gelenk entnommen und zur Knorpelzüchtung in ein Speziallabor gesandt. Nach einigen Wochen haben sich Knorpelzell­aggregate gebildet, die in einem weiteren Eingriff auf den defekten Knorpel transplantiert werden. Hier wachsen sie in den Defekt ein, bis dieser komplett ausgefüllt wird.

Bis das Gelenk wieder voll belastbar ist, vergeht etwa ein Jahr. Völlig schmerzfrei ist er danach aber nicht. Im Herbst 2000 wird in einem weiteren chirurgischen Eingriff der sich gebildete Gelenkknorpel geglättet. Danach schmerzt das linke Knie bedeutend weniger, sodass er hofft, diesen Eingriff auch am rechten Knie durchführen lassen zu können. Wieder muss er sich einer Gelenkspiegelung unterziehen, die dann zeigt: Der Knorpelschaden hier ist viel zu groß. Eine Knorpelzelltransplantation kommt nicht infrage. Die Ärzte raten ihm zur Begradigung der Beinachse. Doch diesen großen Eingriff lehnt er ab.

Der Gelenkersatz wird unvermeidbar

Die Schmerzen in den Knien werden im Laufe der Jahre intensiver. Auch nachts schmerzen die Gelenke mehr. Kühlen, wärmen, entspannen, Schuheinlagen tragen, Gymnastik machen, entzündungshemmende Schmerzmittel – das alles hilft anfangs kurzfristig und später nur noch über Schmerzspitzen hinweg. Die Schmerzproblematik bleibt. Mittlerweile erhält Werner Schuh eine kleine Berufsunfähigkeitsrente.

Durch Zufall wird Werner Schuh auf das St. Josef Stift Sendenhorst im westfälischen Kreis Warendorf aufmerksam. In der Klinik für Orthopädie und Traumatologie hat man sich auf Behandlung von Gelenkerkrankungen und künstlichen Gelenk­ersatz spezialisiert. Werner Schuh schöpft Hoffnung, vereinbart sogleich einen Termin. Doch auch hier rät man ihm zu einer künstlichen Vollprothese.

Der Schock sitzt tief. Mit dem Befund muss er sich erst einmal abfinden. Er ist noch jung und ein Gelenkersatz hält durchschnittlich 15 bis 20 Jahre. Und so vergehen weitere vier Jahre. Anfang 2017 ist es dann so weit. Mit 47 Jahren erhält Werner Schuh sein erstes künstliches Kniegelenk. Er übersteht den Eingriff gut, sodass er noch im gleichen Jahr sein linkes Knie operieren lässt und sagt:

So wie heute konnte ich fast 30 Jahre nicht gehen.

Die vollständige Reportage können Sie nachlesen im Wochenblatt für Landwirtschaft & Landleben in der Ausgabe 28 vom 11. Juli 2019.

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