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Bildung rund um den Tisch

Hauswirtschaft für alle

Das fünfte und letzte Wochenblatt-Picknick führte die Redaktion ins ostwestfälische Lübbecke. Hier betreiben Landfrauen eine eigene Lehrküche. Sie geben rund 50 Koch- und Haushaltskurse jährlich und bilden Hauswirtschafterinnen aus.

Rund 160 Frauen haben in Lübbecke die Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolviert; Susanne Sprengel ist eine von ihnen.

Viele aktive Gruppen vom Land, die sich in diesem Sommer um ein Wochenblatt-Picknick beworben hatten, sind noch jung. Die Ehrenamtlichen arbeiten seit zwei oder drei Jahren an einem gemeinsamen Projekt. Ganz anders der Landfrauenservice in der Region Minden-Lübbecke-Herford. Er betreibt seit 2003 eine eigene Lehrküche. Jährlich werden hier rund 50 Hauswirtschaftskurse durchgeführt. Und: Die Landfrauen treten auch als Ausbilderinnen auf. Sie qualifizieren Frauen für den hauswirtschaftlichen Arbeitsmarkt.

Kleinunternehmerinnen im Verein

Traditionell steht der Name „Landfrauenservice“ in Westfalen-Lippe für hauswirtschaftliche und touristische Dienstleistungen vom Lande. Partyservice, Torten auf Bestellung und Kindergeburtstage auf dem Bauernhof gehören zum klassischen Angebot. Über einen Verein vermarkten die Kleinunternehmerinnen vom Land ihre Angebote. So ist das auch in Minden-Lübbecke-Herford. Rund 60 Frauen haben sich hier zusammengeschlossen.

Als besonderen Baustein gibt es bei ihnen „FaBiAn – Familienbildung rund um den Tisch“. Was damit gemeint ist, erklärt Annegret Treseler, eine der Gründerinnen: „Wir Landfrauen waren im Frauenhaus zu Besuch, um eine Spende zu übergeben. Im Gespräch erfuhren wir, dass viele der Bewohnerinnen Mühe haben, ihren Tag zu strukturieren und ihre Kinder zu versorgen.“ Der Besuch rüttelte Annegret Treseler auf. „Da müssen wir was machen. Wir sind doch die Expertinnen“, rief die Hauswirtschaftsmeisterin gleich gesinnten Landfrauen zu. 2003 hoben sie FaBiAn aus der Taufe. Der Name steht für „Familienbildung anno 2003“.

Mit Kursprogramm und Kochbuch gehen die Ehrenamtlichen auf Werbetour, hier: Eva Meier, Iris Niermeyer, Andrea Klasing und Annegret Treseler.

Haushaltsführerscheine

Worum es bei FaBiAn geht, verdeutlichen einige Beispiele:

  • Der Kurs „ABC des Haushalts“ richtet sich an Menschen, die ihre Alltagskompetenzen erweitern möchten. Er wurde unter anderem in Kooperation mit der Lübbecker Tafel und mit finanzieller Unterstützung der Rotarier angeboten.
  • Der Haushaltsführerschein vermittelt Grundlagen der Nahrungszubereitung, der Hausreinigung und Wäschepflege, aber auch den Umgang mit Finanzen und Zeitmanagement. Gebucht wird das von Behinderteneinrichtungen, deren Bewohner sich in Wohngemeinschaften selbst versorgen.
  • Die Stadt Lübbecke fördert Hauswirtschaftskurse für Kinder als Sommerferienaktion.
  • Regelmäßig finden Kochkurse für Senioren und Haushaltskurse für Partner von demenzkranken Frauen statt.

Daneben bieten die Landfrauen aber auch Wohlfühl- Kurse an, wie sie diese selbst nennen. Da geht es um Rezepte aus ­anderen Ländern, um Weinverkostung, Kosmetik aus der Küche oder Kindergeburtstage mit Kochlöffel und Schürze. Die Kursgebühr beträgt in der Regel 20 € plus Kosten für Lebensmittel und Materialien. Als Kursleiterinnen fungieren rund 20 Landfrauen, die gegen ein recht übersichtliches Stunden­honorar im Einsatz sind.

Ehrenamtlicher Vorstand

Das Veranstaltungsprogramm entwickelt ein Landfrauenteam im Ehrenamt. Alle haben einen beruflichen Bezug zur Hauswirtschaft. Die Ehrenamtlichen besuchen auch Märkte und verkaufen dort selbst gekochte Marmelade, Appetithäppchen oder ihr eigenes Kochbuch mit Rezepten aus der Region. Das bringt etwas Geld in die Kasse und weckt Aufmerksamkeit. Die Werbetrommel muss beständig gerührt werden, um die Kurse zu füllen und um Sponsoren zu finden, machen die Frauen deutlich.

„Als gemeinnütziger Verein können wir Spenden sammeln und haben etliche Förderer“, berichtet Iris Niermeyer. Doch zumeist werde das Geld projektbezogen für einzelne Aktionen gespendet. „Wir wünschen uns einen Partner, der langfristig mit uns zusammen Bildung rund um den Tisch vermittelt“, betont Iris Niermeyer. Hinter dem Wunsch steckt handfester wirtschaftlicher Druck: Für ihre rund 150 m2 große Lehrküche plus Nebenräume und Parkplätze in der Lübbecker Innenstadt zahlen die Landfrauen etwa 1000 € Miete monatlich. Diesen Betrag aus den Kursgebühren zu erwirtschaften, ist ein allmonatlicher Kraftakt.

Mit Landfrauen beruflich starten

Ein Erfolgsmodell ist der hauswirtschaftliche Qualifizierungs-Lehrgang für Frauen, die seit mehreren Jahren den eigenen Haushalt führen. Sie können innerhalb eines Jahres durch Abend- und Wochenendunterricht den staatlich anerkannten Berufsabschluss zur Hauswirtschafterin erwerben.

Andrea Klasing ist hauswirtschaftliche Betriebsleiterin und für den Landfrauen­service als Fachlehrerin im Einsatz.
163 Frauen haben die Ausbildung bisher beim Landfrauenservice Minden-Lübbecke-Herford absolviert; von ihnen haben 52 einen Migrationshintergrund. Der Berufsabschluss verbessert ihre beruflichen Chancen und hilft ihnen außerdem, sich gesellschaftlich zu integrieren.