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"Wirf mich nicht weg"

Gemeinsam gegen Lebensmittelverschwendung

Jedes achte Lebensmittel landet auf dem Müll. Das Projekt „Wirf mich nicht weg!“ will das ändern. Mit vielen praktischen Tipps und Tricks werden Schüler zu Lebensmittel-Detektiven. Ihre Mission: Essen retten statt wegwerfen!

Was muss alles passieren, damit die Erdbeere vom Feld im Mund landet? In Kleingruppen gehen Grundschüler im Rahmen des Projektes „Wirf mich nicht weg!“ auf Spurensuche und merken: Ganz schön viel!

Irgendwie komisch sieht der Apfel schon aus. Ein bisschen dellig hier, ein paar braune Stellen da. Aber gehört er deshalb schon in die Tonne? Und was ist mit dem Quark, der gestern abgelaufen ist? Aufs Butterbrot oder ab in den Biomüll? Die Mädchen und Jungen einer vierten Klasse fachsimpeln angeregt. Beim Apfel besteht schnell Einigkeit – auf jeden Fall essen – für Unsicherheit sorgt hingegen der Quark.

Die „Topf oder Tonne“-Frage ist nur eine unter vielen, die Claudia Kay im Rahmen des Projektes „Wirf mich nicht weg!“ gemeinsam mit Schülern der dritten und vierten Klassen diskutiert. Im Auftrag des Regionalen Umweltzentrums Hollen (Landkreis Oldenburg, Niedersachsen) setzt sie dort an, wo sich Gewohnheiten bilden: in der Kindheit. Die Projektleiterin besucht dazu pro Jahr bundesweit etwa 50 Grundschulen. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit einfachen Tipps und Tricks will sie die Schüler für das Thema Wertschätzung von Lebensmitteln sensibilisieren.

Topf oder Tonne? Bei einer nicht ganz perfekten Pastinake fällt den Kindern die Entscheidung relativ leicht: Topf! Schwieriger wird es bei Milchprodukten.

Frisch auf den Müll

Dass das auch dringend nötig ist, zeigt eine ­aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums durchgeführt wurde. Knapp 7000 Haushalte dokumentierten über ein Jahr ihre Lebensmittelabfälle mittels eines Tagebuches. Das Ergebnis: 55 kg schmeißt jeder Bundesbürger jährlich weg – etwa die Hälfte davon wäre noch genießbar.Bundesweit summieren sich die Lebensmittelabfälle so allein in den Privathaushalten auf 4,4 Mio. t.

Die Zahlen einer WWF-Erhebung sind noch drastischer: Auf 7,2 Mio. t beziffert die Umweltorganisation das Ausmaß der jähr­lichen Lebensmittelverschwendung in Deutschland durch die Verbraucher. Zusammen mit weiteren 10,8 Mio. t, die bei Verarbeitung, Großverbrauchern und Handel anfallen, landen laut WWF so über 18 Mio. t an Lebensmitteln im Müll.

Richtig planen und lagern

Auch bei den Viertklässlern wird schon mal das eine Brot oder der andere Frischkäse weggeworfen. „Es ist für die Kinder total wichtig zu merken, dass auch bei ihnen zu Hause einiges passiert“, erklärt Claudia Kay, „davon ausgehend überlegen wir dann gemeinsam, was man alles besser machen könnte.“ Und das fängt schon beim Einkauf an. Laut GfK-Studie entstehen Lebensmittelabfälle unter anderem infolge von Impulskäufen oder einer falschen Mengenplanung beim Einkauf. „Schreibt euch eine Liste“ lautet daher ein ebenso naheliegender wie einfacher Tipp an die Schüler.

Weiter geht es mit der richtigen Lagerung frischer Lebensmittel. Mit kleinen Merksprüchen wie: „Fleisch, Aufschnitt, Wurst und Fisch halten sich ganz unten frisch“ oder „Joghurt, Sahne, Milch und Quark sind in der Mitte richtig stark“ lernen die Kinder spielerisch die optimalen Lagerzonen im Kühlschrank kennen.

Hilfestellung bei der Frage „Topf oder Tonne?“ bietet der Auge-Nase-Mund-Check: Sieht das Lebensmittel normal aus? Riecht es gut? Schmeckt es? Wenn ja, kann es auch bei überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) verzehrt werden. Halten sollte man sich dagegen an das Verbrauchsdatum, dass bei leicht verderblichen Lebensmitteln wie Hack- oder Geflügelfleisch angegeben wird. Bei abgelaufenem Verbrauchsdatum können Lebensmittel sogar gesundheitsgefährdend sein.

Vom Feld bis in den Mund

Neben solchen ganz praktischen Tipps steht das Thema Wertschätzung im Zentrum des Projektes. „Vielen Kindern fehlt der Bezug zu Lebensmitteln und ihrer Produktion“ so die Ökotrophologin. Um das zu ändern, werden die Grundschüler selbst aktiv. Mit Neugier verfolgen sie den Lebensweg einer Erdbeere vom Feld bis in den Mund. Ausgestattet mit Pflanztöpfchen, Erde und Kressesaat kümmern sie sich auch über den Projekttag hinaus um ‚ihre‘ Lebensmittel. Ganz nebenbei lernen die Schüler, wie viel Zeit und Arbeit eigentlich hinter ihrem täglichen Essen steckt.

Und nicht nur das: Im besten Fall tragen sie dieses Wissen auch als Multiplikatoren in ihre Familien zurück. Denn – so ein weiteres Ergebnis der GfK-Studie – gerade in Familien mit Kindern fallen überproportional viele vermeidbare Abfälle an. „Die Kinder kennen nur, dass alles im Überfluss da ist. Teils verstehen sie auch gar nicht, warum sie dieses oder jenes nicht wegwerfen sollten“, berichtet Claudia Kay. Und warum auch? Hat doch nur fünfzig Cent gekostet.

Um Lebensmittelabfälle bei Kindern zu reduzieren empfiehlt die Ernährungsexpertin, sie möglichst aktiv in die Essensplanung und -zubereitung mit einzubeziehen: „Lassen Sie die Kinder selbst entscheiden, was auf das Pausenbrot soll. So landet es vielleicht eher im Mund als im Müll.“

Pflanztöpfchen basteln, Erde einfüllen, Kresse säen. Das „Selbstmachen“ zeigt den Schülern, wie viel Arbeit und Zeit hinter ihrem täglichen Essen steckt.

Wertschätzung im Wandel

Der gesellschaftliche Umgang mit Nahrungsmittel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv gewandelt. Das sieht nicht nur Claudia Kay so. Davon zeugen ebenso die Zahlen des aktuellen Situationsberichtes des Deutschen Bauernverbandes: Rund 14% ihres Einkommens gaben die Deutschen 2017 im Durchschnitt für Nahrungs- und Genussmittel aus. 1950 waren es noch 44 %.

Auch der Blick in das Klassenzimmer von Claudia Kay und der Ausgang der hitzigen Quark-Debatte spricht letztlich für sich. Eine Schülerin bringt es auf den Punkt: „Meine Oma würde das noch essen!“

Das kann jeder tun:
- Bewusst einkaufen: Vor dem Einkauf die Mahlzeiten planen und eine Einkaufsliste schreiben.
- Packungsgröße beachten: Gerade Single-Haushalte sollten kleinere Packungen wählen.
- Chance für Macken: Auch zu nicht ganz makellosem Obst und Gemüse greifen. Wenn das Gekaufte sowieso bald verzehrt werden soll, können zudem gezielt Produkte mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum gekauft werden.
- Fachgerechte Lagerung im Kühlschrank: Gemüse ins Gemüsefach, Fisch und Fleisch auf die unterste Ablage, Milchprodukte auf die mittlere, Käse und Speisereste auf die oberste.
- Haltbarkeit beachten: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Wegwerfdatum. Anders sieht es beim Verbrauchsdatum aus. Wenn dieses überschritten ist, sollte das Produkt nicht mehr verzehrt ­werden.

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