Kreis Kleve

Deiche am Niederrhein

Deichgräf Herbert Scheers verrät, warum die Menschen am Niederrhein intakte Rheindeiche benötigen und wer für den Schutz zahlen muss.

Immer wenn der Rheinpegel bei Emmerich im Kreis Kleve sich der Marke von 8 m nähert, steigt der Puls von Herbert Scheers. Können die Deiche links und rechts des Rheins die Wassermassen bändigen? Oder droht eine Jahrhundertflut, die Schäden in Milliardenhöhe am Niederrhein und im benachbarten Holland anrichtet?

Drei Kreise geschützt

Seit 21 Jahren ist Scheers sogenannter „Deichgräf“ und damit an vorderster Front verantwortlich. Der ehemalige Landwirt, verheiratet, drei Töchter, ist Vorsitzender des Vorstandes des größten Deichverbandes in NRW, des Deichverbandes „Bislich-Landesgrenze“. Das Verbandsgebiet deckt Teile der Kreise Kleve, Wesel und Borken ab. Der Verband erfüllt hoheitliche Aufgaben nach dem Landeswassergesetz.

„Die Deiche müssen halten. Unsere Aufgabe ist es, Menschen und Vermögenswerte zu schützen. Alle Flächen, die unter­halb der Deichkrone liegen, sind schutzbedürftig und damit beitragspflichtig“, erklärt der 71-jährige Altenteiler.

Der große rechtsrheinische Verband ist Anfang 2007 durch Fusion von sechs Altverbänden entstanden. Teure Folgen hatte das Weihnachtshochwasser 1995/96 für alle Deichverbände am Rhein. Damals reichte das Wasser bis fast an die Deichkrone, die Menschen bekamen Angst. Daraufhin beschloss die Landesregierung, die alten Bauwerke durch im Schnitt 70 cm höhere Deiche zu ersetzen.

Bis heute hat der Deichverband Bislich-Landesgrenze etwa 65 % seiner 45 km langen Deiche von Grund auf saniert. Der Ausbau wird vermutlich bis 2027 dauern. Eine Herkulesaufgabe, betont der Deichgräf.

Neuer Deich bei Emmerich

Ein Beispiel: Bei Emmerich-Praest wurde der Boden des alten Deiches auf 4 km Länge abgetragen. Der neue, höhere Deich wurde dann ­etwa 150 m vom Rhein zurück in die Rheinaue verlegt. Dadurch ist die Überflutungszone erheblich größer geworden.

Zwei Höfe und eine Gärtnerei mussten weichen; ein Betrieb wurde umgesiedelt, der andere Landwirt und die Gärtnerei gaben auf.

1 km Deichneubau kostet laut Scheers heute rund 5 Mio. €. Dazu kommen die Kosten für den Grunderwerb. Pro laufenden Kilometer benötigt der Verband etwa 6 ha Fläche, weil der Regelquerschnitt des neuen Banndeiches ­etwa 20 m breiter ist als der alte Deich.

„Nach dem Landeswassergesetz müssen wir diese Fläche in unser Eigentum überführen. Meine Berufskollegen fordern zumeist Ersatzland, das wir aber kaum anbieten können“, bedauert Scheers.

Daneben unterhält der Deichverband Bislich-Landesgrenze auch noch 500 km laufende Gewässer in seinem Verbandsgebiet. Die ­Böschungen müssen regelmäßig gemäht und die Sohlen geräumt ­werden. Vier große Schöpfwerke pumpen das im Binnenland anfallende Regenwasser in den Fluss.

Mit vier Schäfern und sechs Landwirten hat der Deichverband Nutzungs- bzw. Pflegeverträge abgeschlossen. Ähnlich wie bei den Deichen an der Nordsee beweiden Schafe die Rheindeiche.

Mit ihren kleinen Hufen verdichten die Tiere den lehmigen Boden und schützen ihn so vor Abschwemmung, wenn das Wasser kommt. „Schäfer und Landwirte arbeiten bei der Pflege Hand in Hand. Die Land­wirte mähen die abgeweideten Flächen nach und nutzen den Aufwuchs zum Teil zur Heugewinnung“, erklärt Scheers.

„Umweltferkel“ auf Deich

Was bereitet dem Deichverband aktuell Kopfzerbrechen?

  • Die Planungs- und Genehmigungsverfahren zur Sanierung eines Deichabschnitts dauern sehr lange. 80 % der Kosten trägt das Land NRW, die restlichen 20 % der Verband. „Die Verhandlungen mit den Anliegern über den Grunderwerb sind nicht vergnügungssteuerpflichtig“, scherzt der Deichgräf.
  • In den Gremien wird oft diskutiert, nach welchem Maßstab der Deichverband seine Beiträge umlegen soll. Für vollversiegelte Flächen, etwa ein Gewerbebetrieb mit großer Halle, gilt der Faktor 10, für teilversiegelte Fläche der Faktor 5. Für landw. Nutzfläche zahlen die Eigentümer aktuell 23 €/ha an den Verband. „Ein Hausbesitzer mit ­einem etwa 500 m2 Grundstück muss rund 70 €/Jahr an den Deichverband zahlen“, erklärt Scheer.
  • Auf den neu angelegten Rheindeichen verläuft oben ein geteerter Rad- und Fußweg. Er wird von der Bevölkerung rege genutzt. Die Kehrseite: Viele Hunde sind nicht angeleint, obwohl dies Pflicht ist. Sie koten ins Gras und beunruhigen die Vögel und Gänse in der Aue. Andere Zeitgenossen werfen ihren Müll in die Landschaft, obwohl genügend Abfallkörbe an­gebracht sind. Scheers: „Gegen diese Umweltferkel sind wir einfach machtlos.“

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