Seniorenpflege

Arbeit in der Pflege

Die Arbeit im Seniorenheim ist ein Mix aus Körperpflege, medizinischer Hilfe und Betreuung – oft eine Gratwanderung zwischen Einfühlsamkeit und Distanz.

Ein paar Wörter auf Plattdeutsch können manchmal Wunder wirken. Das weiß die examinierte Altenpflegerin Friederike Lensker. Gerade jetzt, wenn hinter der Maske ein Lächeln nicht sichtbar wird. Das Platt hilft ihr, Vertrauen bei vielen Bewohnern des Henricus-Stifts der Caritas in Südlohn aufzubauen.

Denn als Altenpflegerin kommt sie den Menschen sehr nahe und hilft ihnen bei allem, was sie selbst nicht mehr schaffen.Das Plattsprechen hat die 21-Jährige von ihren Großeltern gelernt. Mit ihnen und ihren Eltern lebt sie in der Stadtlohner Bauerschaft Hundewick im Kreis Borken. Ihr Vater hält noch ein paar Rinder im Nebenerwerb. Flächen und Stall sind mittlerweile verpachtet.

Die Alten­pflegerin füllt die Tabletten in die passenden Dosets für die nächsten Schichten. Das muss sie alles dokumentieren. (Bildquelle: B. Lütke Hockenbeck )

Sie vergessen ihren Namen

Friederike hat gerade 7,5 Stunden Frühschicht hinter sich. In dem Wohnbereich, in dem sie arbeitet, leben bis zu 20 Menschen unterschiedlicher Pflegegrade. Im ganzen Heim sind es um die 100 Frauen und Männer. In der Frühschicht kümmert Friederike sich mit zwei weiteren examinierten Kolleginnen, einer Pflegehelferin und zwei hauswirtschaftlichen Betreuungskräften um die Bewohner.

„Heute war es angenehm. Nicht so viel Stress wie sonst“, sagt sie.Friederike und eine Kollegin konnten eine ältere Dame nach einem Krankenhausaufenthalt erstmals aus dem Bett aufrichten und für den Rollstuhl frisch machen. Die Bewohnerin quittierte es mit einem Lächeln. Oft sind es kleine Gesten, mit denen die Bewohner ihre Dankbarkeit zeigen.

Im Wohnbereich leben Menschen mit Demenz in unterschiedlichen Stadien. „Sie wissen teilweise meinen Namen nicht, auch wenn sie mich täglich sehen“, sagt Friederike. Im Henricus-Stift hat sie auch ihre dreijährige Ausbildung absolviert. Sie ist seit fast einem Jahr examinierte Altenpflegerin.

Während der Arbeit geht Friederike, wie sie es nennt, von Geschichte zu Geschichte. „Manche Demente fühlen sich in ihre Kindheit versetzt. Sie wollen ihrem Vater im Schuppen oder der Mutter an der Kaffeetafel helfen“, erzählt die Stadtlohnerin. Welches Gefühl steckt dahinter? Ist es Not oder Wut? Sie holt den Menschen behutsam aus der Situation. „Das nennt man Validation“, erklärt Friederike. Oft nutzt sie dazu das Plattdeutsch. Das beruhigt und sorgt für Geborgenheit.

Friederike wechselt Verbände. Dabei kontrolliert sie die Wunden. (Bildquelle: B.Lütke Hockenbeck )

Blutzucker und Tabletten

Manchmal fehlt ihr aber die Zeit, das intensiv zu machen. Denn am Morgen hat die Grundpflege der Bewohner Vorrang. Sie wäscht, duscht und zieht die Senioren an. Manche begleitet sie zur Toilette oder wechselt Vorlagen. Bettlägerige Bewohner muss sie umlagern, damit keine Druckstellen ent­stehen.

Wenn Kollegen ausfallen, kann das wirklich stressig werden. Denn meist hat sie für jeden Bewohner nur ein bestimmtes Zeitfenster. Oft bleiben dann nur ein paar nette Worte und vielleicht ein gemeinsamer Kaffee im Laufe des Morgens. Ausführliches Spielen oder Spaziergänge fallen dann oft hinten rüber.

„80 % meiner Arbeit sind Pflege, die restlichen 20 % bleiben fürs Betreuen“, schätzt die Altenpflegerin. Auch medizinische Aufgaben gehören zur Früh- und Spätschicht. Friederike stellt Tabletten bereit, misst den Blutzuckerspiegel, wechselt Verbände und Dauer­katheter.

Beim Anblick mancher Wunden muss sie schlucken. „Ich vergesse aber nie, dass ein Mensch vor mir steht“, sagt die 21-Jährige und wahrt den Respekt. Oft ge­lingt es ihr, den Ekel mit etwas ­Humor zu überspielen. „Letztendlich gewöhnt man sich an vieles“, sagt sie.

Für drei der Bewohner ist Friederike direkt in der Bezugspflege zuständig. Sie erstellt einen Maßnahmenplan und hält alle wichtigen Informationen der Personen fest. „So kann ein Arzt oder Kollege ­sofort sehen, worauf er achten muss“, erklärt sie. Außerdem berät sie diese Bewohner und ihre Angehörigen zu Krankheitsbildern und möglichen Anwendungen.

Friederike ist erleichtert, dass sie im Henricus-Stift bis jetzt keinen Corona-Fall hatten. (Bildquelle: B.Lütke Hockenbeck)

Die Seele frei lassen

Aber nicht nur Krankheit und Wunden gehören zu Friederikes Alltag, sondern auch der Tod. „Manchen Bewohner schließe ich sehr ins Herz. Am Ende muss ich aber meinen Abschied finden, wenn jemand gestorben ist“, sagt sie nach kurzem Innehalten.

Dann gehen sie und ihre Kollegen noch mal gemeinsam ins Zimmer des Verstorbenen und beten das Vaterunser. Sie öffnen das Fenster in der Hoffnung, dass die Seele den Raum verlässt. „Mir hilft es, wenn ich den Menschen noch mal zurecht mache und ihn so dem Bestatter übergeben kann“, berichtet sie.

Nichtsdestotrotz bleibt der Beruf eine Gratwanderung zwischen Empathie und Abstand. „Ich muss einfühlsam sein, darf aber nicht alles mit nach Hause nehmen“, betont sie.

Dabei ist der Austausch mit den Kollegen wichtig. „Ich bin ein Mensch, der viel reden muss. Dann geht’s mir auch gut.“ Wenn es nicht anders geht, verdrückt sie auch mal eine Träne. „Wichtig ist, dass man Frust und Trauer nicht in sich aufstaut“, sagt sie. Meist schafft sie es während der Heimfahrt, den Tag sacken zu lassen und zu Hause von der Arbeit Abstand zu finden. Sport, Freunde und Musik helfen ihr dabei.

Schon in der Grundschule

Zu Hause in Hundewick begann ihr Interesse für die Altenpflege. Als Friederike in der dritten Klasse war, wurde der Vater ihrer Mutter pflegebedürftig. Sie bekam mit, wie der ambulante Pflegedienst ihren Opa betreute und fragte damals schon die Pflegerinnen aus.

In der neunten Klasse machte sie ein Praktikum im Henricus-Stift und jobbte in den Ferien. „Ich merkte, dass der Beruf körperlich anstrengend ist und nichts mit Betüddeln zu tun hat“, erinnert sie sich. Mit diesem Vorurteil hatte sie im Bekanntenkreis zu kämpfen.

Sie entdeckte hingegen, wie viel Verständnis, medizinisches Wissen und Psychologie in der Arbeit mit alten und pflegebedürftigen Menschen steckt. Außerdem überzeugte sie die Stimmung im Team und die Herzlichkeit der Bewohner. Schon vor dem Realschul­abschluss stand daher das Berufsziel fest.

In Zukunft möchte sie mehr zum Umgang mit Demenz lernen und sich dementsprechend weiterbilden. Der stationären Pflege bleibt Friederike aber treu. Auch ihre Plattdeutschkenntnisse wird sie dort weiter pflegen können.

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