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Ausstellung in Herne

Die Krone, die ein Eimer war

Funde aus dem Erdreich lockten zu allen Zeiten Fälscher, Betrüger und Faktenverdreher an. Das Westfälische Museum für Archäologie in ­Herne, selbst einmal Betrugsopfer, stellt einige spektakuläre Fälle vor.

Der "Schädel des ältesten Westfalen", gefunden in Sande bei Paderborn: Die Datierung war glatter Betrug.

Einhörner? Na klar doch, die gibt es. Das Internet ist schließlich voll davon. Bei Göttingen hat man schon vor Jahrhunderten Einhorn-Knochen gefunden. Sogar der berühmte Mathematiker Leibniz hat sie beschrieben. Das wird heute alles totgeschwiegen, darf man nicht drüber reden. Bis vor Kurzem stand sogar ein Einhorn-­Skelett in Osnabrück. Musste wohl abgeschraubt werden. Das beweist doch alles …

Ja, in diesem Tonfall wird auf digitalen Kanälen gechattet, getwittert und gesabbelt. Die Wahrheit bleibt dabei meist auf der Strecke. Das Osnabrücker Einhorn-Skelett immerhin gibt es, doch es ist ein augenzwinkernder „Nachbau“ – und steht zurzeit in Herne. Dorthin wurde es ganz offiziell ausgeliehen: für die Sonderausstellung im Herner Museum für Archäologie über „Irrtümer und Fälschungen“.

Der älteste Westfale?

Mehr als 200 Ausstellungsstücke dokumentieren kriminelle Betrugsfälle der Forschung, aber auch spektakuläre Fehlurteile. Leibniz’ Fehldeutung der angeblichen Einhorn-Knochen gehört ebenso dazu wie der legendäre „Schatz des Priamos“, den Heinrich Schliemann in den Überresten von Troja gefunden haben wollte und sich längst als Fehldeutung entpuppt hat. In Herne ausgestellt und erläutert sind unter anderem

  • angebliche „altamerikanische Beile“ aus Dorsten,
  • ägyptische Statuen eines Meisterfälschers,
  • die „Krone“ eines Merowingerkönigs aus einem Grab in Köln-­Godorf, die sich bei näherem Hinsehen als Eimerbeschlag herausstellte, oder auch
  • die Schädeldecke des „ältesten Westfalen“, gefunden vor anderthalb Jahrzehnten in Paderborn-Sande.

Um diese Schädeldecke drehte sich „einer der spektakulärsten Betrugsfälle Westfalens“, wie der Herner Museumsleiter Josef Mühlenbrock urteilt. Die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hatten, als sie das neue Museum in Herne bestückten, die Schädeldecke von dem seinerzeit renommierten Wissenschaftler Reiner Protsch in Frankfurt untersuchen lassen. Er datierte sie auf ein Alter von „27  400 Jahre plus/minus 600 Jahre“.

Mann mit der Goldhaube

Später stellte sich heraus, dass die Schädeldecke gerade einmal 300 Jahre alt ist und „einem Opa aus dem Rokoko“ gehört hat, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ damals spottete. Der angebliche Experte hatte überdies nicht nur die Labordaten, sondern auch seinen Lebensweg gefälscht.

Die westfälischen Archäologen waren Opfer eines Blenders und Betrügers geworden – und befinden sich damit in bester Gesellschaft. Denn auch der Pariser Louvre wurde bereits übers Ohr gehauen. Betrüger drehten den Louvre-Experten eine Goldhaube als jahrhundertealte „Tiara des Skythenherrschers Saitaphernes“ an. Dabei war es das Werk eines ukrainischen Juweliers im Auftrag zweier Betrüger.

Mehr als 100 Jahre ist das her, aber die unselige Tiara-Geschichte hängt dem Louvre bis heute nach – so wie dem Magazin „Stern“ die gefälschten Hitler-Tagebücher, die ebenfalls in Herne zu sehen sind.

Der falsche Goldhelm aus dem Louvre war von so geschickter Hand gefertigt, dass Pariser Handwerker den ukrainischen Juwelier später mit einer Goldmedaille ehrten. Ob er sie zu Recht erhielt, davon können sich Besucher nun für einige Monate in Herne ein Bild machen. Denn der Louvre hat die Goldhaube dem Westfälischen Archäologiemuseum für einige Monate ausgeliehen – eine Leihgabe unter Betrogenen gewissermaßen.

Gut zu wissen
Ort: Die Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen“ ist bis zum 9. September im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne, Europaplatz 1 (Navi: Bahnhofsstraße 1) zu sehen.
Geöffnet: dienstags bis freitags 9 bis 17 Uhr, donnerstags 9 bis 19 Uhr, samstags, sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr.
Erwachsene 5 € (inkl. Kombiticket für Dauerausstellung: 8 €), ermäßigt 3 € (4,50 €), Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren 2 € (3,50 €), Familien 11 € (17 €).
Weitere Informationen: Tel. (0  23  23) 94  62  80.