Ausstellung

Adel im Ruhrgebiet

Wer an die Geschichte des Ruhrgebietes denkt, hat Kohle und Stahl vor Augen und nicht Gold und Prunk. Eine Schau im Ruhrmuseum in Essen beweist das Gegenteil. In ihr geht es um den Adel an der Ruhr.

Frauen an der Macht? In Essen war das jahrhundertelang Reali­tät. Die adeligen Äbtissinnen des Essener Reichsstifts lenkten fast tausend Jahre, von 845 bis 1803, die Geschicke der damaligen Siedlung, aus der später die größte Stadt des Ruhrgebiets wurde.

Symbol der Macht war ein Zeremonialschwert in einer goldenen Scheide, das zum Beispiel bei Prozessionen der Fürstäbtissin vorangetragen wurde. Es ist das kostbarste Exponat der Ausstellung „Eine Klasse für sich“ auf der Zeche Zollverein in Essen. Bis zum 24. April ist die Schau noch im dortigen Ruhrmuseum zu sehen.

Ehemaliges Burgenland

Das spätere Revier zählte einst zu den burgenreichsten Regionen Euro­pas. Aus vielen mittelalter­lichen Wehrbauten entwickelten sich später Wasserschlösser und Herrenhäuser. Insgesamt waren es über 400 Adelssitze. Etwa 200 sind erhalten, wenn auch teilweise nur als Ruine. 100 werden immer noch genutzt.

So gab es im Ruhrgebiet also vor den bürgerlichen „Ruhrbaronen“ des 19. Jahrhunderts zahlreiche blaublütige Herrschaften. Um das zu verdeutlichen, hat sich die ehemalige Kohlenwäsche der Zeche in einen Glaspalast verwandelt. In mannshohen Vitrinen kommt der Prunk des Adels zur Geltung.

Die Schau zeigt die Rolle des Adels, von den Anfängen im Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Welche Netzwerke pflegte er? Wie sah der Alltag aus? Wie ging es mit den Familien weiter, nachdem das Adelsprivileg im Jahr 1919 endete?

Die Ausstellung umfasst über 800 Objekte aus rund 160 Museen, Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen. Viele adelige Familien stellen noch nie ausgestellte Exponate zur Verfügung: Bildnisse ihrer Vorfahren, kostbares Geschirr, Urkun­den, illustrierte Bücher. Die Spannbreite reicht von litur­gischen Gegenständen und Bildnissen bis hin zu Rüstungen und Uniformen.

Für Besucher
In der Kohlenwäsche der ehemaligen Zeche Zollverein befindet sich das Ruhrmuseum mit seiner Dauerausstellung zur Natur, Kultur und Geschichte des Ruhr­gebietes. Für alle Museums­besucher ab 16 Jahren gelten die 2G-Regeln.

Das Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein mit seinen 100 ha ist jederzeit kostenfrei zugäng­lich. Es ist mit dem Auto und öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Das Parkdeck Zollverein auf der Kokerei, Im Welterbe 11, ist kostenpflichtig.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr.
Eintrittspreise für die Sonderausstellung „Eine Klasse für sich“: 7 €, ermäßigt 4 €; für Kinder
und Jugendliche unter 18 Jahren ­sowie Schüler und Studierende unter 25 Jahren ist der Eintritt frei.

Flickenteppich der Macht

Im Innenraum erzählt die Ausstellung von der tausendjährigen Geschichte des Adels in der Region, unterteilt in fünf Kapitel. Die Rhein-Ruhr-Region war lange kein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet, sondern umfasste eine Vielzahl kleinteiliger Herrschaften. Herzöge, Grafen sowie Klöster und Reichsstädte wie Dortmund konkurrierten um Land und Leute.

Ausgangspunkt waren im Frühmittelalter von Adeligen gegründete Klöster und Stifte. So war das Kloster Werden, heute ein Stadtteil von Essen, ein wichtiges Zentrum der Missionierung. Im Hochmittelalter wurde der Raum immer kleinteiliger – eine Struktur, die bis zur preußischen Herrschaft im 19. Jahrhundert überdauerte.

Viele Herrschersitze, wie die der Herzogtümer Kleve, Berg und Jülich oder des Kölner Erzbischofs, lagen nicht im späteren Revier, sondern außerhalb. Deshalb bildete sich keine bedeu­tende Residenzstadt in der heutigen Metropolregion heraus, sondern eine vielfältige Adelsregion mit der erwähnten großen Zahl an Burgen und Herrensitzen, um den Besitz zu sichern und zu verwalten.

Veränderte Machtverhältnisse

In der frühen Neuzeit dominierten die repräsentativen Ansprüche des Adels. Die Burgen wurden zu Schlössern ausgebaut. Mit der französischen Revolution und ihren Nachwehen schwanden viele Vorrechte des Adels. Der preußische Staat schränkte nach 1815 die Herrschaft weiter ein, bot parallel aber vielen Adeligen neue Perspektiven in Verwaltung und Militär.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts betätigen sich sowohl Bürgerliche als auch Adelige im Bergbau und Hüttenwesen. Während sich der Adel in der Folgezeit immer mehr zurückzog, eiferten die bürger­lichen „Schlotbarone“ dem Adel im Prunk nach, was manche Villa heute noch widerspiegelt.

Einige Bürgerliche gelangten sogar in den Adelsstand. Aus dem Gruben­besitzer John Haniel wurde John von Haniel. Sein Adelsbrief ist in der Ausstellung zu sehen.

Der Adelsbrief von John Haniel (Bildquelle: Bettina Engel-Albustin, Moers)

Alltag der Adeligen

In den Seitenräumen der Schau geht es um zeitübergreifende Themen – Wohnen, Jagen und Kleiden am Hofe, aber auch um Kindheit und Erziehung. Im Raum Tod ­finden sich neben Totentafeln auch Grabmonumente. Denn die Erinnerung an die Ahnen spielte eine wichtige Rolle für die Blaublütigen.

Die Ausstellung zeigt auch, wie mancher Adeliger nach Verlust seiner Privilegien nach neuen Einkommensquellen suchte: Im Löwenpark des Egon Graf von Westerholt bei Gelsen­kirchen konnten von 1968 bis 1988 Besucher vom Auto aus große Raubkatzen beobachten. Im Volksmund überdauerte der Graf als „Löwen-Egon“.

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