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Was den Geschmack trübt

Geschmacksstörungen beeinträchtigen die Lebensqualität. Nur wenige wissen, dass auch Medikamente dafür verantwortlich sein können.

Mit Genuss zubeißen: verschiedene Faktoren können den Geschmackssinn beeinträchtigen. Foto: Pröbsting

Trotz meiner Erkältung war ich zur Arbeit gegangen. Für die Mittagspause hatte ich mir Maultaschensuppe mitgebracht. Der erste Löffel von meinem dampfenden Teller schmeckte – nach gar nichts.

Alle weiteren ebenso. Beim Blick auf die glitschige Nudelhülle mit grauer Fleischfüllung schoss mir ein ekelerregendes Bild durch den Kopf, das ich für Jahre nicht wieder loswerden sollte. Weiter­essen konnte ich da nicht mehr.

Durch meinen Schnupfen hatte ich den Totalausfall des Geschmacks­empfindens erlebt. Nach ein paar Tagen war alles wieder im Lot. Aber was war geschehen?

Die Geschmacksrezeptoren in der Zunge registrieren die vier Geschmacksqualitäten süß, sauer, scharf und bitter. Dazu kommt die Geschmacksrichtung umami, was so viel wie herzhaft bedeutet. Nicht nur der Geschmack spielt bei der Wahrnehmung des Aromas einer Speise eine Rolle.

Geruchssinn ist wichtig

Auch der Geruch, die Temperatur und das Mundgefühl, das von der Konsistenz und der Reizung zum Beispiel durch Meerrettich bestimmt wird, tragen zur Wahrnehmung des Geschmacks bei. An dem gesamten Geschmackseindruck sind verschiedene Nervensysteme im Gesichtsbereich beteiligt.

Die größte Rolle für die Vielfalt der Aromawahrnehmung spielt dabei der Geruchssinn. Die Riechstörung, ausgelöst durch die Erkältung, war die Ursache meines Problems mit den Maultaschen.

Verzerrte Wahrnehmung

Geschmacksstörungen können dazu führen, dass wir nur teilweise, abgeschwächt oder gar nicht mehr schmecken können. Am häufigsten kommt es quasi aber zu einer verzerrten Wahrnehmung. Dann wird ständig ein meist metallischer Geschmack wahrgenommen, ohne dass es eine Quelle dafür gibt. Oder alles schmeckt „falsch“ oder hat einen ganz üblen Geschmack. Die Ursachen können vielfältig sein.

Neben entzündlichen Erkrankungen der Atemwege kommen Kopf- und Gesichtsverletzungen, psychiatrische (Depression), neurologische (Parkinson) oder internistische (Diabetes) Erkrankungen infrage. Alzheimer-Patienten süßen alle Speisen stark, weil sich ihr Geschmacksempfinden offenbar verändert hat. Auch Rauchen benebelt die Geschmackswahrnehmung.

Arzneimittel können den Geschmackssinn ebenfalls negativ beeinflussen, weil sie einen Eigengeschmack haben oder ihn nachträglich über die Ausscheidung im Speichel verändern. Arznei­stoffe, die Mundtrockenheit auslösen, wie zum Beispiel Antidepressiva oder Anticholinergika (oft verordnet bei häufigem Harndrang), können die Geschmacksknospen stören und damit die Geschmacksempfindung.

Manche Arzneistoffe beeinträchtigen den Geschmacksrezeptor, andere die Impulsweiterleitung im Geschmacksnerv oder die Reizverarbeitung im Gehirn. An nahezu allen Stellen dieses Systems kann es zu Störungen kommen. Siehe Kasten „Geschmacks-Verirrung durch Arzneien“.

Kaum zu therapieren

Weil die Ursachen von Riech- und Schmeckstörungen so vielfältig sind, wurden Leitlinien zur Diagnostik und Therapie erstellt. Werden Arzneimittel als Auslöser vermutet, steht zunächst eine Untersuchung beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt an. Zur Prüfung der vier Geschmacksqualitäten wird mit dreifach abgestuft konzentrierten Lösungen von Glukose (süß), Kochsalz (salzig), Zitronensäure (sauer) und Chinin (bitter) getestet.

Es gibt nur begrenzte Möglichkeiten, Geschmacksstörungen zu behandeln. Therapieversuche mit Cortison oder Spurenelementen können Erfolg bringen. Bei Mundtrockenheit kann synthetischer Speichel oder Natrium chloratum als homöopathische Zubereitung versucht werden. Wird ein Arzneimittel als Auslöser vermutet, sollte es, wenn möglich, abgesetzt oder umgestellt werden. Da sich die Rezeptoren wieder regenerieren können, kann sich auch nach Wochen bis Monaten noch das normale Geschmacksempfinden wieder einstellen.

Augentropfen

Nicht nur die Einnahme einer Substanz kann schuld an der Geschmacksstörung sein. Augentropfen können das auch. Die antiallergischen Augentropfen Vividrin akut verursachen einen unangenehmen Geschmack. Tropfen gegen den Grünen Star, die Acetazolamid oder Dorzolamid enthalten, können einen bitteren Geschmack auslösen.

Drücken Sie nach der Anwendung eine Minute lang den Tränenabflusskanal im Augeninnenwinkel mit dem Finger zu oder steigen Sie zur Abhilfe auf ein anderes Mittel um.
Salben mit DMSO als Wirkstoff gegen Gelenkbeschwerden oder als „Wirkstofftaxi“ für andere Stoffe können einen knoblauchartigen Geschmack bewirken, denn der Wirkstoff selbst riecht so. Elke Kookemoor

Geschmacks-Verirrung durch Arzneien

Es gibt eine Vielzahl von Arznei­stoffen, die Geschmacksstörungen auslösen können. Diese müssen jedoch nicht unmittelbar nach der Einnahme und nicht bei jedem Menschen auftreten. Im Folgenden sind beispielhaft einige Arzneien aufgeführt. In Klammern ist ein Hauptanwendungsgebiet genannt, um den Substanznamen besser einordnen zu können:

Ein metallischer Geschmack kann durch Allopurinol (Gicht), Carbidopa (Parkinson), Lithium (Bipolare
Störung), Methotrexat (Rheuma), Metronidazol (Antibiotikum), Doxepin und Opipramol (Psychopharmaka), Zopiclon und Zolpidem (Schlafmittel) oder Vitamin D ver­ursacht werden.

Einen bitteren Geschmack können Amphetamine (ADS) oder Flurazepam (Schlafmittel) bewirken.
Ein salziger Geschmack kann durch Amitriptylin (Schmerzen, Schlafmittel), Captopril (Bluthochdruck) oder Carboplatin (Zytostatikum) verursacht werden. Amilorid (Bluthochdruck, Herzmuskelschwäche) kann die Wahrnehmung für salzigen Geschmack abschwächen.

5-Fluorouracil (Zytostatikum) und Cefaclor (Antibiotikum) können einen süßen Geschmack auslösen.
Isotretinoin (schwere Akne) kann zum Ausfall der Geschmackswahrnehmung sauer führen.
Das gesamte Geschmacksempfinden kann gedämpft werden durch Carbamazepin (neurologische Erkrankungen), Levodopa (Parkin­son), Nifedipin und Diltiazem (Blut­hochdruck) oder Metronidazol (Antibiotikum).

Den Totalausfall des Geschmacks können Antihypertonika wie Diltiazem, Enalapril, Hydrochlorothiazid, Nifedipin oder Spironolacton verursachen. Ebenfalls Triazolam (Schlafmittel), Terbinafin (Anti-Pilz-Mittel) oder Atorvastatin (Choleste­rinsenker).

Störungen im weiteren Sinne (Dysgeusie) können Blutdrucksenker wie Captopril, Diltiazem, Enalapril, Losartan, Lisinopril oder Ni­-fedipin auslösen. Weitere sind Amiodaron (Herzrhythmusstörungen), Morphin (Schmerzen) oder Nitroglycerin (Herz bzw. Blutdruck).