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Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige

Kraft tanken in Pflegesituationen

Eltern, Ehepartner und Kinder unternehmen viel, um ihre Angehörigen daheim zu pflegen. Wie Maria Ramschulte die Situation mit gleich mehreren zu pflegenden Familienmitgliedern gemeistert hat, zeigt folgender Erfahrungsbericht.

Maria Ramschulte hat viele Jahre drei Angehörige zu Hause gepflegt. Um ihre behinderte Tochter Martina kümmert sie sich noch heute.  

Als Maria und Martin Ramschulte vor 37 Jahren heiraten, ist ihre Welt noch in Ordnung. Auf dem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Borken lebt das junge Paar mit den Schwiegereltern und bald wird der erste Sohn geboren. Als Tochter Martina folgt, verändert sich schlagartig alles.

Martina kommt mit einer angeborenen Fehlbildung der Wirbelsäule, einem offenen Rücken, und einem Wasserkopf zur Welt. Ihre Tochter muss im Laufe der Jahre mehrfach am Rücken operiert werden. Und nicht nur das. Bis zur Pubertät bricht sich Martina 14 Mal die Oberschenkel. Das Laufen lernt sie nie, ist zeitlebens auf den Rollstuhl angewiesen.

Häufig muss sie um ihr Recht streiten

Die Sorge um das behinderte Kind und dessen Pflege nehmen fortan viel Zeit und Kraft in Anspruch – psychisch wie körperlich. „Damals konnte meine Schwiegermutter mich noch gut im Haushalt unterstützen“, erzählt sie. Als 1995 die Pflegeversicherung in Kraft tritt, nehmen Ramschultes Leistungen aus der Pflegekasse in Anspruch – für Martina und auch für den mittlerweile pflegebedürftigen Schwiegervater.

Stets haben sich die Eltern auf unvorhergesehene gesundheitliche Veränderungen bei Martina einzustellen. Und immer wieder müssen sie um Pflegehilfsmittel, wie einen Elektro-Rolli, oder die Anerkennung von Pflegestufen kämpfen. „Martina wurde nach einigen Reha-Maßnahmen immer wieder zurückgestuft, sodass wir zweimal vor dem Sozialgericht wegen der Anerkennung einer höheren Pflegestufe prozessieren mussten“, erinnert sich ­Maria Ramschulte.

Jetzt muss sie drei Angehörige im Haus pflegen

Hilfreiche Informationen erhalten die Eltern über den Verein „Arbeitsgemeinschaft Spina bifida und Hydro­cephalus“ in Münster. Doch eine Selbsthilfegruppe in der Nähe gibt es für sie nicht. Die findet Maria Ramschulte erst im Jahr 2002 als eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige in Schöppingen gegründet wird.

Dort sind vor allem pflegende Angehörige und Ehepartner von Erwachsenen, die Unterstützung suchen. Häufig geht es um die Pflege von an Demenz erkrankten älteren Menschen. Maria Ramschulte nimmt trotzdem an den monatlichen Treffen teil. Und das ist auch gut so, denn 2006 wird die Schwiegermutter dement.

Hier finden Sie Hilfe

Adressen von Selbsthilfegruppen und Beratungsmöglichkeiten zur Pflege in Ihrer Nähe erhalten Sie beispielsweise unter:
- www.pflegewegweiser-nrw.de oder
- bdb.zqp.de

Teilnahme an Gesprächskreis ist gut investierte Zeit

„Durch den Austausch in der Gesprächsgruppe fühlte ich mich besser auf diese Situation vorbereitet. Sonst hätte ich das so nicht geschafft“, reflektiert die Landfrau. „Die Teilnahme an den Gesprächskreisen war gut investierte Zeit“, sagt sie.

Keiner könne so gut über Pflegesituationen berichten wie eben Pflegende selbst. Man erhält viele praktische Tipps, Informationen über verschiedene Krankheitsbilder und Hinweise, wo es spezialisierte Ärzte gibt.

Den Austausch mit Pflegenden in der Gesprächsgruppe lernt Maria Ramschulte im Lauf der Jahre noch mehr zu schätzen. Denn 2008 verschlechtert sich nicht nur der gesundheitliche Zustand vom Schwiegervater, der schließlich drei Jahre später stirbt. Zu bewerkstelligen ist nun auch die Pflegesituation der Schwiegermutter, die an Krebs erkrankt und deren Demenzerkrankung sich verschlechtert.

Sie erhält mehr als Zuspruch für die Seele

Eine Unterbringung in einem Heim kommt für Ramschultes nicht infrage. Entlastungsange­bote der Pflegeversicherung, wie Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege, schöpfen sie voll aus. Die monatlichen Gesprächskreise werden nun immer wichtiger für sie.

Hier erfährt Maria Ramschulte seelischen Zuspruch und erhält hilfreiche Tipps für den Umgang mit der Demenzerkrankung. „Wenn Schwiegermutter plötzlich meinte, sie müsse jetzt aber nach Hause fahren, haben wir sie ins Auto gesetzt und sind eine Runde durch die Bauerschaft gefahren. Schließlich sind wir wieder zu Hause angekommen und Schwiegermutter war zufrieden“, nennt Maria Ramschulte ein Beispiel für die Hilfestellung aus der Gruppe.

Nicht immer habe man die Zeit und Geduld für derartige Aktionen. Aber sie seien eine Idee, um Situationen nicht eskalieren zu lassen.

Jetzt profitieren andere von ihren Erfahrungen

2015, einige Monate vor dem Tod der Schwiegermutter, verschlechtert sich deren Zustand deutlich. „Ohne die Unterstützung des Pflegedienstes, meiner Familie und der Selbsthilfegruppe hätte ich die Pflege nicht geschafft“, sagt die 60-Jährige. Denn es dreht sich alles um die Pflege. Sie hatte kaum Zeit für sich und Hobbys. Auch blieben viele Außenkontakte auf der Strecke.

Heute ist die Pflegesituation viel entspannter. Sie pflegt und unterstützt noch ihre Tochter Martina, die tagsüber in einer Caritaswerkstatt arbeitet. An einem Abend in der Woche übernimmt der Pflegedienst ihre Aufgaben.

Ramschultes haben nach vielen Jahren der Pflege wieder mehr Zeit für sich und nutzen diese. Zu den Gesprächsrunden in der Selbsthilfegruppe geht die Landfrau immer noch sporadisch. Viele Jahre hat sie von den Erfahrungen anderer profitiert. Und jetzt ist sie eine der Teilnehmerinnen, die ihr viel­seitigen Wisssen an andere weitergeben kann.

Selbsthilfegruppen werden finanziell unterstützt

Der Gesprächskreis der Selbsthilfegruppe in Schöppingen ist einer von vielen, die unter anderem finanziell vom Land und den Pflegekassen in NRW über das Kontaktbüro der Pflegeselbsthilfe (KoPs) des Landesverbandes der Alzheimer Gesellschaften in NRW e. V. gefördert werden.

Eine Unterstützung ist unter bestimmten Bedingungen auch für bestehende und neue Selbsthilfegruppen möglich. Ansprechpart­nerin des KoPs ist Dr. H. Elisabeth Philipp-Metzen, Tel. (0  25  54) 91  76  10. Weitere Infos und Gruppen sind zu finden im Internet unter www.alzheimer.nrw.de.

Manchmal hindern weite Anfahrtswege daran, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Der Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW baut deshalb eine Internet-Video-Selbsthilfegruppe (InSel), auch Online-Gesprächs-
kreis genannt, auf. Näheres dazu ist ebenfalls über die genannte Telefonnummer zu erfahren.

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