Psychotherapie

Psychotherapie: Hat langes Warten auf Therapieplatz ein Ende?

Krankenversicherte haben Anspruch auf einen ­Therapieplatz beim Psychotherapeuten. Das Problem: Lange Wartezeiten. Jetzt sollen neue Niederlassungsmöglichkeiten in Westfalen-Lippe geschaffen werden. Doch gleicht das den Mangel aus?

Wer heute eine Psychotherapie in Anspruch nehmen möchte, kann sich direkt an einen niedergelassenen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten wenden. Jedoch müssen potentielle Patienten meist lange auf einen Termin warten. Einige Wochen bis Monate sind keine Seltenheit. Je nach dem, wo man in Westfalen-Lippe wohnt, auch schon mal länger.

Es fehlt an Psychotherapeuten. Das ist aus Sicht der Hilfesuchenden ein Dilemma – können sich doch Akuterkrankungen verschlimmern oder chronifizieren. Auch Dipl. Psychologe Manfred Radau, Mitglied des Landesvorstandes der Landesgruppe Westfalen-Lippe der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), kritisiert diesen Mangel.

49 neue Niederlassungen für Psychotherapeuten

Dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ist die Situation durchaus bekannt. Er ist zuständig für die Festlegung einer bundeseinheitlichen Planungssystematik für Niederlassungsmöglichkeiten von Vertragsärzten. Ein Gutachten von 2018 kam zu dem Schluss, dass bundesweit rund 2400 weitere Praxissitze für Psychotherapeuten notwendig wären. Soweit die Theorie.

Tatsächlich hat der G-BA in seiner Mitte 2019 angepassten Bedarfsplanungs-Richtlinie den Weg frei gemacht für bundesweit nur 776 neue Arztsitze von Psychotherapeuten. Davon entfallen auf Westfalen-Lippe laut Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) 57. Nach Abzug jener acht Psychotherapeuten, die sich bislang einen Sitz teilten und sich nun vorrangig niederlassen dürfen, verbleiben 49 neue Sitze in entsprechenden Planungsbereichen. Im Einzelnen sind frei

  • 9,5 Sitze in Borken;
  • 5,5 Sitze in Gelsenkirchen;
  • 1,5 Sitze in Gütersloh;
  • 3,5 Sitze in Hagen;
  • 4,5 Sitze in Hamm;
  • 1 Sitz in Herne;
  • 3,5 Sitze in Höxter;
  • 8,5 Sitze im Märkischen Kreis;
  • 5,5 Sitze in Paderborn;
  • 1 Sitz in Recklinghausen und
  • 5 Sitze in Siegen-Wittgenstein.

Nach Besetzung dieser Sitze werden auch diese Planungsbereiche wieder gesperrt.

Zusätzliche Quotensitze für Psychotherapeuten

Neu ist, dass der G-BA im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung weitere Niederlassungsmöglichkeiten in Form einer Quotenregelung festgelegt hat. In diesem Fall besteht für ärztliche Psychotherapeuten bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten die Möglichkeit, sich trotz Sperrung eines Planungsbereiches niederzulassen. Auch diese Anzahl ist regional begrenzt, macht in der Summe aber zusätzliche 39,5 Sitze für Ärztliche Psychotherapeuten, 16 für Ärztliche Psychotherapeuten mit dem Schwerpunkt Psychosomatik und drei Sitze für Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeuten aus. Doch reichen diese neuen Sitze aus, um flächendeckend eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten?

Manfred Radau vom DPtV sagt „Nein“. Er selber ist als Psychotherapeut in einer Gemeinschaftspraxis in Münster tätig, einem Planungsgebiet, das in Westfalen-Lippe mit rund 200 % den höchsten Versorgungsgrad aufweist. Dennoch müssen auch in seiner Gemeinschaftspraxis Patienten Monate auf einen Termin warten. Den Grund dafür sieht der Psychotherapeut in einer verfehlten Bedarfsplanung, die offenbar seit vielen Jahren mit falschen Zahlen rechnet. Schlussendlich geht es ums Geld.

Sie sind auf der Suche nach einem Psychotherapeuten?
Adressen von psychotherapeutischen Praxen lassen sich beispielsweise finden über:
- Psychotherapeutenkammer NRW, www.ptk-nrw.de
- Kassenärztliche Bundesvereinigung; www.kbv.de/html/arztsuche.php;
- Bundespsychotherapeutenkammer; www.bptk.de
- PsychotherapeutInnen-Netzwerk Münster und Münsterland e.V.; www.ptn-muenster.de

„Als 1999 durch das Psychotherapeutengesetz psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichentherapeuten als neue Fachgruppe in die KVWL intergriert wurden, sollte das vor allem aus Sicht der Krankenkassen kostenneutral erfolgen“, berichtet Manfred Radau. Als Grundlage für die Bedarfsrechnung diente nicht der tatsächliche Behandlungsbedarf, sondern das bis zu diesem Zeitpunkt von den Krankenkassen außerhalb des KV-Systems bereitgestellte Geld für psychotherapeutische Leistungen.

Weitere Infos zum Thema unter: www.wochenblatt.com/therapie

Basierend auf dieser Summe wurde ein Bedarf an Psychotherapeuten ermittelt, der schon damals zu gering war. „Angeglichen an den tatsächlichen Bedarf wurde dieses Budget nie“ kritisiert Radau. Damit verbessern die neuen Niederlassungsmöglichkeiten in 2020 die Mangelsituation in Westfalen- Lippe kaum. Patienten werden weiterhin lange auf eine Psychotherapie warten müssen.

Wie der Bedarf an Psychotherapeuten festgelegt wird und wie eine Therapie abläuft, lesen Sie auf den Gesundheitsseiten im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben in Folge 5/2020 vom 30.01.2020.

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