Fixieren muss nicht sein

Der Tisch am Rollstuhl oder das Gitter am Bett – Sie sollen vor Stürzen schützen. Wirkungsvoll sind diese Maßnahmen in Heimen oft nicht. Dass es auch anders geht, zeigt das Bethesda-Seniorenzentrum in Gronau.


In Pflegeheimen werden demente Menschen häufig fixiert – zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es heißt. Derartige freiheitsentziehende Maßnahmen sind umstritten, aber dennoch gängige Praxis. Nicht so im Bethesda-Seniorenzentrum in Gronau, im Kreis Borken.

Hier haben Einrichtungsleiter Reinhard van Loh und Pflegedienstleiterin Christa Brune ein Konzept entwickelt, das Fixierungen in ihrer Altenhilfeeinrichtung so gut wie überflüssig macht. „Stehen Sie auf, damit Sie nicht hinfallen“, so heißt ihr Sturzpräventionsprojekt. In Westfalen-Lippe hat es Vorbildcharakter für den Heimbereich. Vieles davon lässt sich auch im privaten Bereich umsetzen.

Stürze etwa gleich hoch

Das 100 Bewohner zählende Seniorenzentrum liegt inmitten einer 3000 m2 große Grünanlage direkt an der niederländischen Grenze. „Unsere Bewohner entsprechen dem ganz normalen Durchschnitt, mit durchschnittlicher Verteilung der Pflegestufen und einem immer größer werdenden Anteil an demenziell veränderten Bewohnern“, informiert Einrichtungsleiter Reinhard van Loh.

Zum Schutz vor Stürzen oder zum Schutz vor sich selbst habe man bis vor wenigen Jahren noch fixiert. Warum? Aus Fürsorgepflicht, also zum Schutz der körperlichen Unversehrtheit gegenüber den Bewohnern, habe man Fixierungen vorgenommen. Und aus Angst, von Krankenkassen oder Angehörigen regresspflichtig gemacht zu werden, wenn ein Bewohner stürzt. Die Befürchtung vor Regressansprüchen hält van Loh mittlerweile für unbegründet.

Kraft und Balance fördern

„Stürze sind ein normales Alltagsrisiko, und sie lassen sich durch Fixierungen nicht vermeiden“, erklärt der Einrichtungsleiter. Aktuelle Studien hätten gezeigt, dass gezieltes Muskelaufbau- und Balancetraining Stürzen vorbeugt. „Bewegung ist daher die beste Sturzprophylaxe“, erklärt Reinhard van Loh. Seit 2008 bietet das Senioren-Zentrum ein spezielles Projekt namens „Fit für 100“ an. Außerdem können und sollen sich die Bewohner im Haus und Garten frei bewegen können.


Technische Hilfsmittel

Um Fixierungen zu vermeiden, setzt das Bethesda-Seniorenzentrum weiterhin auf eine Fülle von Hilfsmitteln. Eine große Rolle spielen dabei 30 sogenannte Niedrigbetten. Sie lassen sich von einem Elektromotor angetrieben bis auf Bodenniveau absenken und machen damit Bettgitter überflüssig.

Bei Bedarf kann auch eine Kontaktmatte vor das Bett gelegt werden. Berührt der Bewohner die Matte, wird automatisch das Pflegepersonal über die Rufanlage informiert. So könne für einen sturzgefährdeten demenziell erkrankten Bewohner auf eine Fixierung im Bett oder auf sedierende Medikamente verzichtet werden.

Um dem starken Bewegungsdrang einiger Bewohner gerecht zu werden, habe man von einem normalen Rollstuhl die Fußstützen entfernt. Dann wurde der Rollstuhl in der Höhe so verändert, dass der Bewohner sich durch Trippeln selbstständig fortbewegen kann. Damit Bewohner nicht so leicht aus dem Rollstuhl rutschen können, habe man eine Antirutschmatte auf das Rollstuhlkissen gelegt.

Nachts sei vor allem eine ausreichende Beleuchtung wichtig, wenn Bewohner beispielsweise die Toilette aufsuchen möchten. Bewährt hätte sich auch das Tragen ABS-Stoppersocken, die für eine besser Bodenhaftung sorgen. Auf Stolperfallen wie Teppiche und Badematten oder auf Deckenfluter mit Trittschaltung werde verzichtet.

Die ausführliche Reportage mit weiteren Informationen können Sie in Folge 22 unter Land&Leben nachlesen. Gerlinde Lütke Hockenbeck


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