Diabetes

Digitale Diabetes-Schulung

Diabetiker müssen Profis im Umgang mit ihrer Erkrankung sein. Dafür brauchen sie spezielle Schulungen, die derzeit aber kaum möglich sind. Eine Alternative können digitale Angebote sein – wenn sie gut sind.

Kaum eine Erkrankung fordert so viel Mitarbeit vom Patienten wie Diabetes. Nicht nur, dass Diabetiker ganz besonders auf einen gesunden Lebensstil achten müssen. Sofern sie insulinpflichtig sind, müssen sie auch Koh­lenhydratmengen von Mahlzeiten berechnen, daraus Insulindosen ableiten, mehrmals täglich den Blutzuckerspiegel messen und sich selbst Insulin verabreichen.

Um das zu lernen, brauchen Diabetiker eine fundierte Schulung. In der Regel finden diese in den Arztpraxen oder Kliniken als Gruppenschulung statt. Das ist aber in Corona-Zeiten kaum möglich. „Viele Praxen haben seit April 2020 keine Schulungen mehr durchgeführt“, sagt Dr. Nicola Haller, Vorsitzende des Verbandes der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e. V. (VDBD).

Schulungen per Video

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Krankenkassen hat zwar die Pflicht zur Schulung für Teilnehmer des Disease Management Programms (DMP) ausgesetzt. Dennoch brauchen Diabetiker die nötigen Informationen, um ihre Stoffwechsellage und damit langfristig ihre gesundheitliche Prognose zu verbessern.

Eine Alternative sind digitale Formate. Inzwischen gibt es viele diabetologische Praxen, die Video-Schulungen für ihre Patienten anbieten. Diese Kurse laufen ähnlich ab wie Präsenzschulungen. Sie richten sich an eine definierte Gruppe von etwa vier bis sechs Teilnehmern. Die Schulungen finden synchron statt und werden von einer zertifizierten Schulungskraft geleitet.

Krankenkassen übernehmen die Kosten

Eine Hürde für die Praxen lag zunächst darin, dass sie die Video-Schulungen nicht mit den Krankenkassen abrechnen konnten. Die meisten Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) bieten diese Möglichkeit nun aber vorübergehend an, so auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Wer an einer Video-Schulung teilnehmen möchte, braucht dafür ein mobiles Endgerät, zum Beispiel ein Laptop oder Tablet, eine Kamera, einen Lautsprecher, eine stabile Internetverbindung und einen guten Browser. Nicht jedes Programm läuft auf jedem Browser gleich gut. Welches Programm für die Schulung genutzt wird, liegt an der jeweiligen KV. Die KVWL lässt nur Video-Systeme zu, die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zertifiziert sind.

Gute Notlösung in Corona-Zeiten

Erste Erfahrungen mit digitalen Diabetes-Schulungen sind überwiegend positiv. „Die Schulungen kommen bei den Teilnehmern gut an“, berichtet Dr. Nicola Haller. Wichtig ist, dass sich die Diabetiker dabei auch untereinander austauschen können.

Zufrieden zeigen sich auch die meisten Referenten. Allerdings ist der Aufwand, eine Video-Schulung zu organisieren, enorm. Für die Einladung per E-Mail, das Einholen der erforderlichen Datenschutzerklärung und die technische Einführung fällt etwa eine halbe Stunde Mehraufwand pro Teilnehmer an. Diesen können die Anbieter nicht mit den Krankenkassen abrechnen.

Einzelschulung als Alternative

Nicht alle diabetologischen Praxen bieten jedoch Video-Schulungen an. Und nicht jeder Diabetiker ist offen für ein solches Format. Eine Corona-konforme Alternative sind Einzelschulungen in der behandelnden Praxis. Diese gab es auch schon in der Vor-Corona-Zeit, allerdings in begrenzter Anzahl. Derzeit können die Praxen in den meisten Regionen Deutschlands, so auch in der KV-Region Westfalen-Lippe, unbegrenzt Einzelschulungen abrechnen.

Einige Informationen lassen sich ohnehin nicht per Video-Schulung vermitteln. Dazu gehört zum Beispiel die Injektions-Technik, die in einer Einzelschulung in der Praxis erlernt werden muss. Das war auch schon vor der Corona-Zeit so, sagt Dr. Nicola Haller.

Und nach Corona?

Die positiven Erfahrungen mit Video-Schulungen sollten auch für die Zeit nach der Corona-Pandemie genutzt werden, findet die Medizinpädagogin. Dafür setzen sich auch mehrere Diabetes-Organisationsformen ein, wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft, der VDBD und der Bundesverband Niedergelassener Diabetologen. Sie haben die Kassenärztlichen Vereinigungen und den G-BA dazu aufgefordert, ein bundesweit flächendeckendes Parallelangebot von Präsenz- und Videoschulungen zu bewilligen, auch nach der Corona-Pandemie. Für Westfalen-Lippe plant die KVWL einer Sprecherin zufolge, zu gegebener Zeit entsprechende Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen aufzunehmen.

Präsenzschulung bleibt der Goldstandard

Bei einem solchen Parallelangebot müsse die Präsenz-Schulung immer der Goldstandard sein, meint Dr. Nicola Haller. Diese müsse ergänzt werden durch individuelle Einzelschulungen. Darüber hi­naus würde sie sich die Möglichkeit wünschen, den Patienten zu bestimmten definierten Themen Video-Schulungen anbieten zu dürfen. Dabei könnte es zum Beispiel um den Umgang mit Hypoglykämien oder um spezielle Therapieformen gehen. Solche Angebote können Diabetikern helfen, ihre Krankheit noch besser unter Kontrolle zu bekommen. Angeboten werden sie aber nur, wenn sie auch vergütet werden.

Selbstlern-Angebote für Diabetiker

Neben synchronen Schulungen für feste Gruppen gibt es diverse digi­tale Selbstlern-Formate. Dazu gehören beispielsweise Lernvideos, Podcasts oder Apps. Allerdings gibt es für solche Angebote keine standardisierten Qualitätskriterien. Nutzer sollen deshalb genau prüfen, wer hinter dem Angebot steckt.
Empfehlenswert ist beispielsweise die Podcast-Reihe Doc2Go von diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe. Wissenschaftlich fundierte Informationen gibt es auch bei TheraKey, einer Online-Plattform für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Dafür benötigt der Patient jedoch einen Zugangscode vom Arzt. Für Medizinprodukte, wie Insulinpumpen oder Sensoren, gibt es häufig digitale Einweisungen, meist über eine App.
Vereinzelt bieten Kliniken oder Praxen auch Videoaufzeichnungen an, mit denen der Diabetiker zeitversetzt lernen kann. Solche Aufzeichnungen laufen beispielsweise in den Wartebereichen der Praxen.

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