Partner von

H5N8: „Mit Nachweisen ist es ein Problem“

Stockenten und andere Wildvögel verbreiten das Vogelgrippe-Virus – diese geltende Deutung wird neuerdings stark in Frage gestellt. Foto: Fotolia / Karin Jähne

27.12.2016 . Wer sind „die wahren Verursacher“ der Vogelgrippe? Die Debatte darüber sorgt für Vorwürfe und Mutmaßungen. Doch ihr fehlen belastbare Fakten.


Wo und wie hat sich die Vogelgrippe (H5N8) verbreitet? Nach der gängigen Sicht, die von den Wissenschaftlern des Friedrich-Löffler-Institutes (FLI) vertreten wird, wurde der Erreger durch Zugvögel nach Deutschland eingeschleppt. Hier wurde er von Tieren und Menschen weitergetragen, auch in die Geflügelställe – auf Wegen, die im Detail bislang nicht bekannt sind.

Ein Schwan im Stall?

Der Münchener Zoologe Josef Reichholf sieht die Ursache umgekehrt in der Geflügelhaltung und in unkontrollierten Futtermittelimporten. Gegen das FLI führt er im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" kürzlich dieses Argument an: „Die Schwäne und Tauchenten, die bei uns an dem Erreger H5N8 gestorben sind, hatten einen kraftraubenden Flug aus Zentralasien hinter sich. Ein erkranktes Tier kann wohl kaum einen Fernflug über Tausende Kilometer überstehen. Es wäre während des Fluges verendet – es sei denn, es hat sich erst hier bei uns angesteckt.“

Reichholf fragt weiter: „Welcher infizierte Schwan oder welche infizierte Tauchente hat Zutritt zu einer geschlossenen Hühnerfarm? Wie sollen die Bestände in den abgeschotteten Massentierställen, in denen die Vogelgrippe ausgebrochen ist, durch Wildvögel infiziert worden sein?“ Vielmehr hätten sich die Wildvögel durch ausgebrachte Gülle und Mist infiziert: „Vieles spricht dafür, dass der Erreger schon in Massentierställen verbreitet war und von dort nach draußen gelangte. Bis heute wird ja nicht untersucht, welche Krankheitskeime mit Geflügelmist und Gülle in die Umwelt gebracht werden.“

In die Ställe gelangt sei der Erreger „vermutlich“ durch Futtermittel. Sie würden „noch immer nicht intensiv auf Erreger untersucht“, behauptet Reichholf. Auf die Frage des Spiegel-Journalisten, warum die ersten Todesfälle nicht in den Ställen, sondern in der Wildpopulation auf­getreten seien, antwortet Reichholf mit der Gegenfrage, „ob die betroffenen Hühnerhalter wirklich jeden Todesfall in ihren Ställen gleich melden“.

Hinter den Stalltoren

Reichholf weiter: „Gerade in den großen Mastbetrieben sterben täglich Vögel, ohne dass jedes Mal die genaue Ursache ermittelt wird. Solange es nur wenige Fälle sind, werden die Betriebe zögern, diese zu melden. Sie würden ja riskieren, dass der gesamte Bestand gekeult wird.“ Nach dieser Logik müsste es Tierhalter geben, die an H5N8 erkrankte Tiere verschwinden lassen – und genau wissen, wie sie anschließend das hochaggressive Virus im Stall in den Griff bekommen.

Die Geflügelwirtschaft verbreite das Virus, meint auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Die Ausbruchsherde lägen meist in der Nähe großer Schlachthöfe oder an den Routen und Rastplätzen von Lebendgeflügeltransporten. Dies rufe „dringend nach einer eigenen Überprüfung aller Transporte zwischen den betroffenen Betrieben und Schlachthöfen“, so der NABU.

Wenn die Belege fehlen

Die Wortmeldungen des Honorarprofessors und des NABU klingen für Laien durchaus schlüssig. Es fehlt ihnen aber jeder nachprüfbare Nachweis. Sie sind reine Spekulation – und fehlende Fakten werden ersetzt durch Formulierungen wie „vermutlich“, „sehr wahrscheinlich“, „plausibler wäre …“ oder „Indizien sprechen dafür, dass …“

Dass Belege fehlen, wundert weder die Kritiker noch die betroffenen Branchen, stellte vor wenigen Tagen die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) fest. „Die einen sagen, das FLI würde entsprechende Thesen erst gar nicht überprüfen und dadurch die Wirtschaft schützen. Die anderen sagen, es handle sich um Verschwörungstheorien.“

Statt sich an den Mutmaßungen zu beteiligen, hat die „NOZ“ beim Deutschen Verband Tiernahrung angerufen. Sie erfuhr dort: „Wir importieren keine Futtermittel aus China“ – und: Es gebe „keinen einzigen Nachweis“ dafür, dass über Futter Viren in Ställe gelangt seien. Die trockene Nahrung sei als Lebensraum für Erreger ungeeignet. Weiter heißt es in der „NOZ“:

„Branchenkenner vermuten vor allem die Tierhalter als Risikofaktor, weil diese sich nicht an Hygienemaßnahmen hielten. Laut will das aber auch niemand sagen. Mit den Nachweisen ist es so ein Problem. Martin Ryll, Wissenschaftler an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover, sagt, möglicherweise werde nie ganz geklärt, wie der Erreger in geschlossene Anlagen gelangen konnte. An der Zugvogel- Theorie hat er aber keine Zweifel und liefert gleich eine Reihe wissenschaftlicher Aufsätze mit. ,Uns als Feldornithologen fällt es selbstverständlich schwer zu akzeptieren, dass ,unsere gefiederten Lieblinge‘ an solchen Krankheitsgeschehen ursächlich mitbeteiligt sind, aber es ist wohl wissenschaftlich unwiderlegbar gut dokumentiert’, so Ryll. Die FLI-Kritiker wird er damit nicht überzeugen können.“ Str.

12°C