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Den Hof in fremde Hände?

Christian Vieth möchte mit seiner Hofbörse ältere Landwirte ohne Nachfolger und landwirtschaftliche interessierte junge Menschen ohne Hof zusammenbringen. Foto: Asbrand

15.12.2016 . In Nordhessen, im Westerwald, in der Eifel und in Ostwestfalen stehen viele Scheunen, Ställe sowie die Wohngebäude der ehemaligen Landwirte leer. Sie sind Zeugen einer Zeit, in der Bauernfamilien das Dorfbild prägten.

Seit 1950 ist die Zahl der Betriebe (über 2 ha) in Deutschland von 1,5 Mio. auf jetzt 275  000 zurückgegangen. Und der Strukturwandel geht weiter. Nach einer Umfrage aus 2010 ist nur auf etwa 30 % aller Betriebe die Nachfolge gesichert. 70 % der befragten Landwirte über 45 Jahre dagegen gaben an, dass ihre Hofnachfolge unsicher oder ungewiss sei.

Auf einer Konferenz der Uni Kassel-Witzenhausen beschäftigten sich Wissenschaftler, Berater, Landwirte und Studenten mit der Frage, wie man das „Höfesterben“ zumindest verlangsamen kann und ob es eine Option ist, bei fehlendem Nachfolger den Betrieb in fremde Hände zu geben.

Warum fehlen Nachfolger?

Christian Vieth hat 2008 eine Hofbörse gegründet. Seine gemeinnützige Stiftung „Agrarkultur leben gGmbH“ hat bislang rund 500 Hofbesitzer sowie potenzielle Nachfolger betreut und beraten. Für die Existenzgründer (meistens junge Leute mit viel Enthusiasmus, aber wenig Kapital) ist die Beratung kostenfrei, der Landwirt zahlt 300 € für die Erstberatung.

Warum fehlen auf vielen Höfen die Nachfolger? Bei einer Befragung gaben die Landwirte dies an:

  • Unsere Kinder haben andere berufliche Interessen (50 %),
  • das Einkommen auf dem Hof reicht nicht (25 %),
  • wir haben keine Kinder (20 %),
  • es gibt Spannungen zwischen Jung und Alt (5 %).

Laut Vieth gaben auch 70 % der befragten Biobauern an, dass die Nachfolge auf ihren Höfen nicht gesichert sei. Viele „Ökos“ haben in den 1980er- und 1990er-Jahren umgestellt. Vieth, selbst Biobauer im Nebenerwerb (32 ha LN, Mutterkühe), sagte: „Aufgrund der Landknappheit und hohen Pachtpreise rechne ich damit, dass viele Bioflächen in Zukunft wieder konventionell bewirtschaftet werden. Für die Biobranche in Deutschland wäre dies eine Katastrophe.“

Verschiedene Modelle

Landwirte bzw. Eheleute ohne Hofnachfolger sollten sich laut ­Vieth bereits ab dem 50. oder 55. Lebensjahr Gedanken machen, wie es weitergeht. Der Betrieb kann per Übergabevertrag an den Nachfolger übergehen, Jung und Alt können zunächst eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) bilden, es kann ein Pachtvertrag geschlossen werden, der Landwirt kann seinen Hof verkaufen oder 
in einen gemeinnützigen Verein (oder Stiftung) einbringen. Läuft es auch familiär zwischen Jung und Alt gut, kann es mit Blick auf die Erbschaftsteuer sinnvoll sein, wenn der Landwirt seinen Nachfolger adoptiert.

Vieth arbeitet im Rahmen seiner Beratung regelmäßig eng mit den Sozial- und Steuerexperten der Kreisbauernverbände etwa in Hessen und Bayern zusammen. In fast allen Fällen müssen Landwirte, die ihren Hof in fremde Hände geben wollen, finanzielle Abstriche in Kauf nehmen. Denn der Nachfolger hat oft fast nichts auf dem Konto, um die Hofstelle, Flächen und Betriebsmittel kaufen zu können. Der Hof wird nicht als Vermögenswert, sondern als Einkommensquelle gesehen.

Vieth: Der Nachfolger muss auf dem Betrieb in der Regel investieren, er muss ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften können. Davon soll er dem Abgeber ja auch ein Altenteil mit Kost und Logis bezahlen können. Mitunter vereinbaren die Parteien einen verminderten Kaufpreis bzw. einen Kauf des Hofes auf Renten- oder Ratenbasis.

Nachbarn statt Hektar

Der Gründer und Geschäftsführer der Hofbörse beklagte, dass es seitens der Bioverbände, der Landwirtschaftsministerien (Bund und Länder) sowie des Deutschen Bauernverbandes fast keine Initiativen gebe, potenzielle Hofgründer zu fördern oder ihnen Mut zu machen, neue Ideen in die Praxis zu tragen. Das sehe in Frankreich, Österreich oder Dänemark anders aus.

In Deutschland würden Existenzgründer von den örtlichen Bauern vielfach nur als Konkurrent um die knappe Fläche wahrgenommen. Vieth schloss seinen Vortrag zum Auftakt der viertägigen Konferenz mit einem Zitat 
eines Jungbauern aus Frankreich: „Wir wollen Nachbarn statt Hek­tar.“ Armin Asbrand

Hier geht es zur Hofbörse.

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