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Weniger Bürger, weniger Abwasser

Unter der Erde schlummert ein Vermögen vieler Gemeinden - das Abwassernetz. Foto: Asbrand

11.12.2015 . In einigen ostwestfälischen Gemeinden sinkt die Einwohner zahl. Wie lässt sich die Abwasserentsorgung der Dörfer an den demografischen Wandel anpassen?

Weniger Menschen bedeutet weniger Abwasser. Doch Kanalisation und Kläranlagen sind in vielen ländlichen Gemeinden auf mehr Einwohner ausgelegt. In Zukunft landen die Kosten für die Entsorgung des Abwassers daher auf weniger Schultern.

Doch wie lässt sich das bestehende Abwassernetz auf dem Land an den demografischen Wandel anpassen? Das war die Frage beim Kanalbetriebstag in Rheda-Wiedenbrück. Eingeladen zu der Veranstaltung hatte das Institut für Unterirdische Infrastruktur in Gelsenkirchen. 

Regionale Unterschiede

Die Bevölkerung in Ostwestfalen wird in den nächsten Jahren wieder zunehmen. „Grund ist die Zuwanderung und nicht mehr Geburten“, sagte Helmut Reike von der Bezirksregierung Detmold. Dabei verläuft die Zunahme regional unterschiedlich: Wachsen werden vor allem die Einwohnerzahlen der Kreise Gütersloh und Paderborn sowie der Großstadt Bielefeld. Schrumpfen hingegen werden die Kreise Höxter, Herford, Lippe und Minden-Lübbecke. Allein der Kreis Höxter verliert bis 2040 laut Prognose des Landes NRW 16 % seiner Einwohnerzahl.

Dass weniger Einwohner weniger Abwasser verursachen, verdeutlichte Frederik Köhler. Der Bauingenieur ist bei der Bezirksregierung Detmold zuständig für den Bereich Abwasser. In den Gemeinden der Kreise Höxter und Lippe gab es in den vergangenen zehn Jahren bis zu 20 % weniger Abwasser. Da so weniger Wasser die Kanäle spült, kommt es zu Ablagerungen und Geruchsbelästigung. Eine schrumpfende und alternde Bevölkerung führt auch zu weniger öffentlichen Einnahmen. Die Kommunen werden weniger Geld für Instandhaltung und Sanierung haben.

Vor zwanzig Jahren lautete das Credo der Gemeinden: Jeder Hof und Haushalt, auch in den Außenlagen der Dörfer, muss über die Kanalisation an eine zentrale Kläranlage angeschlossen werden. „Das würde man heute nicht mehr so machen. Mittlerweile gibt es technisch sehr ausgereifte Kleinkläranlagen“, gestand Frederik Köhler.

Kanallänge kostet

Für flexible und dezentrale Lösungen plädierte auch Professor Ulf Theilen von der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. Er hat für das hessische Umweltministerium den Leitfaden „Anpassung der Abwasserinfrastruktur bei rückläufiger Bevölkerung“ erarbeitet. Ähnlich wie in Ostwestfalen sinkt auch vielen Dörfern in Mittel- und Nordhessen die Einwohnerzahl.

„Wassersparen bringt dem Verbraucher kaum etwas. 75 % der Abwassergebühr sind unabhängig von der verbrauchten Menge“, sagte der Wissenschaftler. Der große Kostentreiber ist ein langes Kanalnetz. Das muss auch in Zukunft saniert und überwacht werden. Die aktuellen Abwassergebühren zahlreicher Kommunen auf dem Land sind aber nicht kostendeckend. „Ersatz muss aus Rücklagen gezahlt werden.“ 

Exemplarisch präsentierte Ulf Theilen zwei Dörfer im Vogelsbergkreis in Mittelhessen. Sie haben 400 und knapp 250 Einwohner und jeweils eine eigene Kläranlage. Zwar zahlen die Bürger mit knapp 6 € pro m3 Abwasser eine schon relativ hohe Gebühr. Im Kreis Lippe und Höxter liegt die Abgabe um 4 € pro m3. Damit das Kanalnetz aber auf dem abwasserwirtschaftlichen Standard bleibt, müssten die Einwohner in den beiden Dörfern laut der Berechnung des Professors 13 € pro m3 zahlen. 

Um eine Kostenexplosion in Zukunft zu vermeiden, schlug er dezentrale und flexible Lösungen vor. Eine Erneuerung des Abwassernetzes mit mehreren Kleinkläranlagen, die maximal auf 50 Einwohner ausgelegt sind, wäre nachhaltiger als eine Sanierung des Bestehenden. Die Kleinkläranlagen sollten auf öffentlichen Flächen stehen und seitens der Gemeinde betrieben und gewartet werden. Im Einzelfall ist auch die abflusslose Grube möglich, die vom Tankwagen geleert wird. pat

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