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Multiple Sklerose: So lassen sich Störungen der Blasenfunktion behandeln. Neues Medikament bei schubförmig remittierender MS zugelassen.

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, die meistens zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr festgestellt wird. Frauen sind am häufigsten betroffen. Foto: Fotolia/Miriam Dörr

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS).

Dabei greifen körpereigene Immunzellen fälschlicherweise die Schutzhülle (Myelinschicht) der Nervenfasern an. Im Verlauf der Erkrankung kommt es in verschiedenen Bereichen des ZNS zu Entzündungsherden, die narbig abheilen. Die Myelinschicht wird geschädigt und elektrische Signale im Gehirn und Rückenmark können nicht mehr optimal übertragen werden.

Ein Befehl des Gehirns oder Rückenmarks kann nicht mehr schnell oder deutlich genug an Muskeln oder Nerven weitergeleitet werden. Wie sich die MS äußert, hängt davon ab, welche Region des ZNS von Entzündungen betroffen ist. Sie kann beispielsweise Sehstörungen verursachen, aber auch Konzentrationsschwäche, Sprach- und Schluckstörungen sowie Darm- und Blasenfunktionsstörungen.

Wer an MS erkrankt, kann derzeit noch nicht geheilt werden. Allerdings lässt sich der Verlauf der Erkrankung aufhalten und Symptome behandeln. Wie und welche Neuentwicklungen es in der MS-Therapie gibt, darüber informierten Experten im Rahmen der MS-Woche am Johannes Wesling Klinikum Minden.

Probleme mit der Blase

„70 bis 80 % aller MS-Patienten hat früher oder später eine Blasenfunktionsstörung“, erklärte Prof. Dr. Arndt van Ophoven, Leitender Arzt der Abteilung für Neuro-Urologie am Marien-Hospital in Herne. Hauptprobleme der Patienten sind demnach beispielsweise ein erhöhter Harndrang, häufiges Wasserlassen, Harninkontinenz oder auch wiederkehrende Harnwegsinfekte. Insbesondere chronische Harnwegsinfekte können zu einem ernsten Risiko werden, wenn sie die Nieren schädigen.

Kann die Blase nicht vollständig entleert werden, haben es Keime einfacher, sich im Restharn zu vermehren und Entzündungen auszulösen, die bis in die Nieren hochsteigen. Medikamentös lasse sich die Keimbelastung einer solchen Infektblase häufig mit einem Antibiotikum wie beispielsweise Nitrofurantoin behandeln, erklärte Prof. Dr. Arndt van Ophoven.

Blaseninfekten vorbeugen

Ein weiterer Ansatz sei, den Körper gegenüber den krankmachenden Erregern immun zu machen. Diese Immunisierung kann in Spritzenform oder medikamentös erfolgen. Möglich sei auch eine Vakzinierung, bei der aus körpereigenem Urin und Stuhl ein individueller Impfstoff hergestellt wird. Aber auch jeder MS-Patient könne vorbeugend etwas gegen wiederkehrende Harnwegsinfekte tun, indem er täglich mindestens 1,5 Liter trinkt, Unterkühlung vermeidet und die Intimhygiene nicht übertreibt.

Als alternative vorbeugende Maßnahme sei beispielsweise auch die Einnahme von täglich 36 mg Proanthozyanidin möglich. Die auch in Cranberrys enthaltene Substanz legt sich wie eine Schutzschicht an die Harnblasenschleimhaut und verhindert dort, dass sich krankmachende Keime ansiedeln. Auch das Ansäuern des Urins mit der Aminosäure L-Methionin sei eine Option, das Bakterienwachstum längerfristig in Schach zu halten.

Spastik erhöht den Druck

Bei MS-Patienten entstehen häufig auch Spastiken in der Blase. Dann steigt der Druck in der Blase schon bei geringen Urinmengen. Das bereitet zwar keine Schmerzen, bringt aber auf Dauer die Niere in Gefahr. In diesem Falle müsse der Blasendruck gesenkt werden. Neben konservativen Therapieansätzen wie Biofeedback, Beckenboden- und Blasentraining, Akupunktur oder Elektrostimulation können auch Medikamente helfen.

Zum Einsatz kommen beispielsweise Anticholinergika, die den überaktiven Blasenmuskel dämpfen und das spastische Zusammenziehen des Blase unterdrücken. „Den Medikamenten muss man vier bis fünf Wochen Zeit geben, bis sie wirken“, informierte Prof. Dr. Arndt van Ophoven. Allerdings müssten Patienten mit Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Verstopfung, Schwindel oder Herzrhythmusstörungen rechnen.

In manchen Fällen könne auch eine Therapie mit Botulinum-Toxin A probiert werden. Das neurotoxische Protein wirkt stark Muskelspannung lösend und wird extrem verdünnt angewendet. Dazu wird es dem MS-Patienten unter Narkose in 20 bis 30 Einzelinjektionen in die Blasenwand gespritzt. „Mit einer Wirkung ist nach etwa fünf Tagen zu rechnen. Diese hält dann aber sechs bis neun Monate vor“ erklärt Prof. Arndt van Ophoven. Um Restharn in der Blase zu vermeiden, müsse der MS-Patient diesen zwei- bis viermal täglich selber mittels eines Blasenkatheters Urin ableiten.

Neue Arznei für RRMS

Bei den meisten MS-Patienten verläuft die Erkrankung in Schüben. Die medikamentöse Therapie bei Multipler Sklerose erfolgt nach einem speziellen Therapieschema. Ein aktueller Schub wird mit hochdosiertem Cortison behandelt, das die Entzündung unterdrücken und die Blut-Hirn-Schranke abdichten soll. Um die Schwere und Häufigkeit der Schübe zu reduzieren und ein Fortschreiten der Behinderung zu verlangsamen, wird so früh wie möglich mit einer verlaufsmodulierenden Therapie begonnen.

„Seit Anfang des Monats steht für die Behandlung der schubförmig remittierenden MS (RRMS) bei Erwachsenen ein weiteres Medikament zur Verfügung. "Der Wirkstoff heißt Daclizumab“, erklärte Prof. Dr. Dr. Sven Meuth vom Uniklinikum Münster (UKM). Der Wirkstoff mobilisiere körpereigene regulatorische Immunzellen als Schutzmechanismus und wirkte in der Studie besser als Avonex. Als Nebenwirkung könne es zu Reaktionen an der Haut und Leber kommen.

Generell machte der Mediziner deutlich, wie wichtig regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind. Bei einigen MS-Therapien kann es als Nebenwirkung zu einer schweren Virusinfektion des Gehirns (PML) kommen. Je älter der Patient wird, desto größer ist das Risiko dafür. „Die Erfahrungen unter Fingolimod und Dimethlyfumarat deuten auf ein sehr geringes PML-Risiko hin. Insbesondere aber beim Wechsel nach Natalizumab ist das Risiko erhöht“, erklärte Neurowissenschaftler Sven Meuth. LHo