Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

Darm

Divertikel: Wie Löcher im Schweizer Käse

Divertikel sind Ausstülpungen der Darmschleimhaut. In der Regel sind sie harmlos. Doch sie können Beschwerden bereiten und sich entzünden. Zu Therapiemöglichkeiten befragten wir Dr. Bernd Wejda, Gastroenterologe am Krankenhaus Lübbecke-­Rahden.

Bei Divertikeln wölbt sich an einigen Stellen die Darminnenwand durch die Darmmuskulatur nach außen.

Wie entstehen Divertikel?

Dr. Bernd Wejda
Sie entstehen an Stellen, an denen die Darmmuskulatur durchbrochen ist und darmeigene Gefäße durch die Darmwand laufen. Hält an diesen Schwachstellen das Bindegewebe dem Druck im Darm nicht stand, entstehen kleine ballonförmige Ausstülpungen, in denen sich Stuhl ablagern kann. Beim Blick in den Darm sehen sie aus wie Löcher in einem Schweizer Käse. Sie bilden sich jedoch nicht zurück, können größer oder mehr werden. Ihre Anzahl und Ausprägung nimmt mit dem Alter weiter zu. Mit Abstand am häufigsten kommen Divertikel im Dickdarm vor. Etwa die Hälfte der über 55-Jährigen hierzulande ist betroffen.

Wie machen sich Divertikel bemerkbar?

Es gibt drei Beschwerdebilder mit unterschiedlichen Symptomen:

  1. Harmlose Divertikel bereiten am häufigsten Bauchweh. Der Stuhlabgang kann schmerzhaft sein. Es kann zu Druck im Bauch, Kneifen, unvollständiger Entleerung des Darms oder Verstopfung kommen. Die Beschwerden sind oft schwer von denen eines Reizdarmes abzugrenzen.
  2. Haben sich Divertikel entzündet, geht das meist mit Bauchschmerzen im linken Unterbauch, Fieber, Unwohlsein und abgeschlagenheit einher. Die in den Unterbauch ausstrahlenden Schmerzen ähneln denen einer Blinddarmentzündung – nur auf der falschen Seite.
  3. Manchmal kann es zu Komplikationen kommen, wie etwa einer starken Blutung aus dem Enddarm. In dem Fall sollten Sie den Krankenwagen rufen.

Sind Divertikel ansteckend, erblich oder gefährlich?

Nein, sie sind weder ansteckend noch erblich. Allerdings sind manche Menschen erblich bedingt anfälliger, beispielsweise aufgrund eines schwachen Bindegewebes. Auch zählen gestörte Darmbewegungen durch Verstopfung oder Durchfall zu den Risikofaktoren. Übergewicht, Bewegungsmangel und ungesunde faser- und ballaststoff­arme Kost begünstigen ihre Entwicklung.

Zu welchen Komplikationen kann es kommen?

Entzünden sich Divertikel, können sich Bakterien abkapseln und die Darmwand entzünden. In 90 % der Fälle heilt eine Entzündung ohne weitere Operation aus. Bei bis zu 5 % kann es zu Komplikationen kommen. Die Entzündung kann sich auch auf benachbarte Organe wie die Harnblase ausbreiten. Eiteransammlungen und Fisteln können dann beispielsweise eine röhrenartige Verbindung zur Blasenwand bohren. Auf diese Weise gelangen Darmkeime in die Harnblase und führen zu weiteren Komplikationen.

Divertikel können auch das schmerzempfindliche Bauchfell reizen. Patienten merken dies an einem Erschütterungsschmerz, den sie spüren, wenn sie beispielsweise laufen. Schwere Bauchfell­entzündungen verursachen leicht eine Sepsis, die lebensbedrohlich ist und notfallmäßig operiert werden muss.

An wen soll sich der Patient bei Beschwerden wenden?

Bei Fieber, Bauchweh mit Erschütterungsschmerz sollte man den Hausarzt aufsuchen. Er entscheidet, wo es weiter hingeht. Je schlechter der Zustand und je größer der Schmerz ist, desto schneller sollten Sie das tun.

Treten Fieber, Schwitzen, Abgeschlagenheit, starke Bauchschmerzen auf und ist ein auf dem Bauchfassen unerträglich, sollten Sie den ärztlichen Notdienst oder das Krankenhaus aufsuchen.

Wie lassen sich Divertikel feststellen?

Häufig fallen Divertikel zufällig im Rahmen einer Darmspiegelung oder Darmkrebsvorsorgeuntersuchung auf. Bei typischen Beschwerden sollten Sie den Arzt aufsuchen. Der hört den Bauch ab, tastet den Enddarm ab und fertigt in der Regel ein Ultraschallbild an. Bei Bedarf kann eine Computertomografie vom Bauch notwendig sein. Anzeichen für eine Entzündung sind in der Regel erhöhte Entzündungswerte im Blut. Eine Darmspiegelung wird erst dann durchgeführt, wenn die Entzündung abgeklungen ist. Das Risiko für eine Verletzung wäre sonst zu hoch.

Wie wird behandelt?

Divertikel, die keine Beschwerden bereiten, müssen auch nicht behandelt werden. Solche, die immer wieder Bauchweh und Druck verursachen, lassen sich meist durch Regulierung des Stuhlgangs bessern. Pflanzliche Mittel wie Flohsamen formen besser und entziehen dem Stuhl Wasser. Stuhlverflüssiger wie Macrogole weichen den Stuhlgang auf. Bewährt haben sich auch krampflösende Kapseln oder Tabletten aus Extrakten mit Pfefferminz- und Kümmelöl, die die glatte Muskulatur entspannen. Gleiches gilt für verschreibungspflichtige Mittel, die stärker krampflösend wirken. Sie enthalten beispielsweise den Wirkstoff Botylscopolamin, verursachen aber möglicherweise auch Nebenwirkungen. Sie können als Tablette oder Zäpfchen genommen werden.

Wie sieht die Therapie bei Entzündungen aus?

Entzündungen werden durch Bakterien ausgelöst, die sich gut mit Antibiotika behandeln lassen. Bestehen keine Risikofaktoren, kann bei leichten Verläufen auch ohne Gabe von Antibiotika ambulant therapiert werden.

Gegen die Schmerzen sollten allerdings nicht unkritisch Schmerzmittel eingenommen werden. Wirkstoffe wie Ibuprofen, Diclophenac, NSAR oder Aspirin in höherer Dosis sollte man vermeiden. Sie mindern die Durchblutung der Schleimhaut im Darmtrakt. Dadurch haben Bakterien einfacheres Spiel und sie können neben Magengeschwüren auch Entzündungen des Darms auslösen. Bei Bauchschmerzen sind Wirkstoffe wie Paracetamol oder Novalminsulfon eine bessere Alternative. Helfen diese Schmerzmittel nicht, sollte der Arzt aufgesucht werden.

Über 90 % der Entzündungen heilen folgenlos aus. Allerdings kann es erneut zu Entzündungen kommen. Bei etwa 20 % der Patienten, die eine Entzündung hatten, ist das der Fall.

Das Risiko schwerer Kompli­kationen nimmt nicht automatisch mit der Anzahl der Entzündungen zu. Auch haben Divertikel nichts mit Darmkrebs zu tun.

Wann müssen Divertikel operiert werden?

Menschen mit immer wiederkehrenden Entzündungen werden individuell behandelt. Nicht zwangsläufig ist ein operativer Eingriff mit Entfernung des Darm­abschnittes sinnvoll. Bei einer Abwehrschwäche, beispielsweise durch einen schlecht eingestellten Diabetes, Tumorerkrankungen, Cortison- oder Rheumatherapien, wird eher operiert. Diese Patienten haben meist ein höheres Risiko für bedrohliche Komplikationen bei einer weiteren Entzündung. In einem schubfreien Intervall lässt sich durch den Bauchnabel der betroffene Teil des Darmes entfernen. Dies erfolgt bei etwa 20 bis 25 % der Patienten, die wiederholt Entzündungsschübe haben.

Bei Komplikationen wie einer Fistel, einem Abszess oder Darmdurchbruch wird das entzündete Darmsegment immer operativ entfernt. Für die Passage des Stuhls kann dann auch die Anlage eines künstlichen Drainausgangs erforderlich werden. Dieser kann nach zwei bis drei Monaten zurückverlegt werden. Bei schweren Komplikationen wie einer Bauchfell­entzündung muss rasch operiert werden. Allgemein werden nur 0,5 bis maximal 1,0 % der Divertikelträger operiert.

Was müssen Patienten mit der Diagnose zukünftig beachten?

Patienten sollten im Kopf haben, dass sie Divertikel im Darm haben und die Symptome kennen, die diese verursachen können, um frühzeitig eine Behandlung zu bekommen. Sie sollten sich ballaststoffreich ernähren, Übergewicht reduzieren und Schmerzmittel meiden.

Das Interview können Sie nachlesen auf den Gesundheitsseiten der Wochenblattausgabe 11/2019.

Folgende Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren: