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KOMMENTAR

Dorf sucht Arzt

Gerlinde Lütke Hockenbeck

Dorf sucht Arzt – mit diesem Aufruf im Internet wirbt ein 1500-Seelen-Dorf im Sauerland um einen Nachfolger für seine verwaiste Hausarztpraxis. Bislang ohne Erfolg. Das ist kein Wunder.

Solange sich an den Rahmenbedingungen für niedergelassene Ärzte in Westfalen-Lippe nichts ändert, wird die Besetzung von Arztpraxen auf dem Land bzw. in kleineren Gemeinden schwierig sein. Ein Zustand, der grotesk erscheint. Denn noch nie gab es so viele Ärzte in Deutschland wie derzeit. Doch leider praktizieren immer weniger  dort, wo sie gebraucht werden.

Theoretisch haben wir genug Hausärzte

In Westfalen-Lippe sind 11.500 niedergelassene Ärzte tätig, davon rund 4800 Hausärzte. Theoretisch sind alle Regionen mit einem Hausarzt versorgt. Doch schauen wir genauer hin: In einigen ländlichen Regionen wie etwa in den Kreisen Lippe, Soest, Olpe oder Borken werden schon jetzt die Hausärzte rar. Diese Situation wird sich in den nächsten Jahren zuspitzen. 2302 Hausärzte hierzulande sind über 55 Jahre alt und suchen bald einen Nachfolger für ihre Praxen.

Gleichzeitig steigt der Bedarf an Allgemeinmedizinern, weil immer mehr Menschen älter werden. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) fehlen in NRW schon jetzt 493 Allgemeinmediziner. Wenn die Zahl der hausärztlichen Praxen in NRW konstant bleiben soll, müssten sich jährlich 375 Hausärzte niederlassen. Doch so viele rücken nicht nach. 2007 wurden in Westfalen-Lippe nur 165 Hausärzte neu zugelassen.

Anderswo finden Mediziner bessere Bedingungen

Was muss getan werden, damit der niedergelassene Landarzt nicht zum Auslaufmodell wird? Ein Blick auf die vielfältigen Beweggründe von Nachwuchsmedizinern kann helfen:

Junge Mediziner suchen und finden auf dem Arbeitsmarkt andere und bessere Anstellungen: als Angestellte in den Krankenhäusern oder auch im Ausland, wohin nicht wenige auswandern, weil sei dort mehr verdienen und bessere Arbeitsbedingungen vorfinden.

Unattraktiv sind gerade auch die Bedingungen, eine Landarztpraxis zu führen: Hohe Arbeitsbelastung, ein Übermaß an Bürokratie, ein unternehmerisches Risiko, das in Anbetracht von Budgetierungen immer unkalkulierbarer wird, und wenig Freizeit sind einige davon.

Und die Bezahlung? Ein langes Studium und die anspruchsvolle Ausbildung von meist zwölf Jahren sollen sich am Ende auszahlen. Das durchschnittliche Jahreshonorar aller niedergelassenen Ärzte in Deutschland wird mit 164.000 € brutto beziffert. Zu bedenken gilt jedoch Folgendes: Praxen mit Millionenumsatz wie beispielsweise Laborärzte treiben diesen Durchschnittswert in die Höhe. Vom Bruttoeinkommen muss der Arzt Büro- und Lohnkosten für seine Arzthelferinnen etc. bestreiten – laut Statistik rund 50 %. Unter dem Strich bleibt zwar eine ordentliche Summe, die hierzulande jedoch lange nicht jeder Hausarzt verdienen wird. Die Honorierung der hausärztlichen Grundleistungen ist für niedergelassene Hausärzte in Westfalen-Lippe ohnehin niedriger als anderswo. Während sie pro Patient und Quartal pauschal 34,50 € erhalten, verdienen Kollegen in allen anderen Regionen der Republik für exakt die gleiche Leistung bis zu knapp 20 % mehr! Nachwuchskräften ist nicht zu verübeln, wenn sie Westfalen-Lippe den Rücken kehren.

Mit Geld sollen Ärzte aufs Land gelockt werden

Erste Maßnahmen, um dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzuwirken, wurden unternommen. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) versucht Nachwuchsmediziner mit Geld aufs Land zu locken. Nochmals bis zu 50  000 € für den Aufbau einer Praxis winken Medizinern vom Gesundheitsministerium in NRW, die sich in unterversorgten Regionen niederlassen. Doch Geld ist bekanntlich nicht alles.

Der Mangel an Landärzten ist auch eine Folge ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Rund 60 % der bundesweit 80.000 Medizinstudenten sind weiblich. Studentinnen und Ärztinnen stellen andere Anforderungen an Studium und Beruf. Sie wollen eine Familie gründen und mehr Zeit für sie haben. Gefragt sind daher Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen: bessere Kinderbetreuung, leichter Wiedereinstieg in den Beruf, Teilzeitarbeit.

Betreuungsmöglichkeiten für Kinder

Für Nachwuchsmediziner spielen außerdem Schul- und Betreuungsangebote für ihre Kinder eine wichtige Rolle – und die beruflichen Möglichkeiten ihres Ehepartners. Von Bedeutung sind ebenfalls berufliche Kooperationsmöglichkeiten mit Kollegen oder die Anzahl von Bereitschaftsdiensten. Auch das Angebot von Freizeitmöglichkeiten legen potenzielle Nachwuchskräfte in die Waagschale.

Unter dem Strich haben ländliche Regionen meist das Nachsehen.  Nachwuchsmediziner, die mit einer Landgemeinde nichts verbindet, lassen sich in der Regel in Städten und Ballungsgebieten mit guter Infrastruktur nieder. Wird hier nicht mehr gesteuert, avanciert der niedergelassene Landarzt zum Auslaufmodell.

Bessere Rahmenbedingungen müssen her

Um dieses Verteilungsproblem besser zu regeln, müsste die dafür zuständige KVWL über eine kleinräumigere Bedarfsplanung nachdenken, die den tatsächlichen Bedarf auch kleiner Gemeinden berücksichtigt. Wichtig wäre dabei die Altersstruktur der Bewohner mit in die Bedarfsplanung einfließen zu lassen, damit die Versorgung in Regionen mit vielen älteren Menschen gesichert bleibt. Gleichzeitig aber muss der Gesetzgeber für bessere Rahmenbedingungen sorgen. Nur so lassen sich angehende Allgemeinmediziner langfristig für eine Landarztpraxis in Westfalen-Lippe gewinnen.

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